Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Frauenbund Eichstätt belebt einen alten Brauch und backt Gebildebrote

Ein Hefezopf für eine erlöste Seele

Hauswirtschaftsmeisterin Renata Fuß-Hanak hat einen alten Brauch wiederentdeckt: Sie backt so genannte Seelenzöpfe, die ursprünglich zur Speisung der Toten gebacken wurden.

Text: Carola Renzikowski 

Fotos: Katharina Ebel (KNA) 

Wie viel Erlösung so ein Fünfstangen-Zopf wohl bringen würde? „Den kann ich nur mit Anleitung“, unterbricht Renata Fuß-Hanak Teig knetend jegliche Gedankenspiele und deutet mit ihrem Ellebogen Richtung Backbuch. Darin: komplizierte Schritt-für-Schritt-Zeichnungen hin zur höheren Seelen-Kunst. „Das Flechten und Binden sollte böse Geister von den Toten abwenden und sie der Erlösung näherbringen“, hat die Hauswirtschaftsmeisterin anfangs in der Pfarrheims-Küche erklärt und sich den „leichteren“ Hefezopf-Varianten gewidmet. Während ihre Hände emsig kneten, rollen und lange Teigwürste kunstvoll zu immer anderen Formen miteinander verschlingen, erzählt die quirlige Frau von ihrer Leidenschaft: den so genannten Gebildebroten. Dazu gehören auch die Seelenzöpfe und ihre Geschichte.

Nach christlichem Volksglauben sollen die Verstorbenen des vergangenen Jahres in der Allerseelen-Nacht am 2. November aus dem Fegefeuer zur Erde aufsteigen, um sich dort von den Qualen auszuruhen. Die Vorstellung findet Fuß-Hanak zwar merkwürdig. Andererseits gefällt ihr der Brauch, an diesem Tag besonders der Angehörigen zu gedenken. 

Mit symbolischen Seelenzöpfen oder -broten zum Beispiel, die ursprünglich zur Speisung der Toten gebacken und sowohl auf den Gräbern als auch in den geöffneten Stuben für die gemarterten „armen Seelen“ bereitgestellt wurden. Freuen durften sich schließlich die wirklich Armen: mittellose Erwachsene und Waisenhauskinder. Jedes „Vergelt's-Gott“ für einen verschenkten Zopf soll eine Seele erlöst haben, so der Glaube.

Zöpfe wurden schon vor Christi Geburt den Toten geopfert – echte allerdings, aus Haaren geflochten: „Die Frauen zum Beispiel haben ihren Zopf abgeschnitten und ihn als Zeichen der Trauer um ihren Mann mit ins Grab gelegt“, weiß Fuß-Hanak aus ihren Recherchen. Schon damals hätten sich die Menschen vorgestellt, dass in den Haaren die Kraft und Persönlichkeit des Menschen stecke. 

Auch in der Bibel wird die Geschichte von Samson erzählt, in dessen Haar das Geheimnis seiner hünenhaften Kräfte steckte. Erst als Delila ihm dieses Geheimnis entlockte und ihm den Schopf abschnitt, wurde er besiegbar.

Aus diesem kulturübergreifenden Haar-Kult dürfte sich als Relikt durch die Jahrhunderte der modernere Brauch entwickelt haben, symbolische Opfer-Zöpfe für die Toten zu backen und später an Bedürftige zu verschenken. „Je reicher die Familien waren, desto reicher verzierten sie die Seelenzöpfe mit weiteren Zutaten“, erzählt die Gebildebrot-Expertin und hat gleich Tipps für die Verarbeitung parat: „Rosinen vorher mit Mehl bestäuben, dann lassen sie sich besser in den Teig einarbeiten.“ Aber es dürfen natürlich auch Mandeln und andere Nüsse sein.

„Gebildebrote – Speisetraditionen im Jahreslauf“ nennt die Diözesanvorsitzende des Katholischen Frauenbunds im Bistum Eichstätt ihre Werkstatt-Tagungen. Die Kursteilnehmer lernen hier nicht nur die Bedeutung und Hintergründe der verschiedenen Bräuche und symbolischen Backwaren kennen; sie dürfen natürlich auch selbst ihre Handfertigkeit üben und danach essbare Kunstwerke mit nach Hause nehmen. 

Oder doch aufs Grab legen, nach altem Brauch? „Bei der Witterung Anfang November würde mir das um die Lebensmittel leid tun“, wehrt Fuß-Hanak entschieden ab: „Dann lieber ein Gedeck für den Toten mit auf den Tisch stellen.“ Sie selbst habe lange das Bedürfnis gehabt, ihren verstorbenen Vater per Foto am Esstisch mit dabei zu haben, erzählt sie.

16 Teilnehmer betreut sie pro Kurs in kleinen Gruppen, vor allem Frauen melden sich an: „Weil es ein christliches Thema ist und was Neues“, glaubt die 59-Jährige. Fast 30 Jahre lang hat sie Kochkurse angeboten und mit exklusiven Angeboten zu Wildgerichten auch Männer an den Herd gelockt. 

Seit drei Jahren kocht und backt sie privat am liebsten wie zu biblischen Zeiten, mit vielen natürlichen Zutaten. Und sie macht sich viele Gedanken beim Backen: „Beim Brot überlege ich mir: Was mögen die Leute damals beim Herstellen gedacht haben?“ Manche Gedanken bringt sie zu Papier.

Ein um das andere Backblech voll mit duftenden Tiroler Zöpfen, Brezeln, Geigen, Zöpfen mit in der Mitte parallel liegenden Strängen – als Symbol des liegenden Toten – und anderen Gebildebroten zu Allerseelen zieht Renata Fuß-Hanak schließlich aus dem Ofen. 

Sie verschenkt sie großzügig an ihre Gäste. Und wer weiß, ob sie damit nicht doch die eine oder andere Seele rettet – bei der Menge...

 

 


23.05.2012
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