Professor Dr. Hans Walter Hütter über den Stellenwert der Museen der Stiftung Haus der Geschichte
Ein Ort lebendiger und demokratischer Erinnerungskultur

- Prof. Dr. Hans Walter Hütter wurde 1954 geboren. Er absolvierte ein Studium der Geschichte, klassischer Philologie und Pädagogik an der Universität Düsseldorf. 1984 folgte die Promotion. 1986 begann er seine Tätigkeit im Haus der Geschichte in Bonn als wissenschaftlicher Mitarbeiter. 1991 wurde er stellvertretender Direktor. Seit Juni 2007 ist er Präsident und Professor der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Museen sind im Idealfall lebendige Orte der Erinnerung. Sie ermöglichen die Annäherung an einen historischen Sachverhalt auf mehreren Ebenen. Professor Dr. Hans Walter Hütter ist Präsident der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn. In seinem Gastbeirag beschreibt er, wie Museen die Brücke zwischen individueller Erinnerung und geschichtlichen Fakten schlagen können.
Von Prof. Dr. Hans W. Hütter
Die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland präsentiert an ihren Standorten in Bonn und Leipzig Dauer- und Wechselausstellungen zur deutschen Zeitgeschichte. Ausstellungen im „Tränenpalast“ am Bahnhof Friedrichstraße und in der Kulturbrauerei in Berlin sind in Vorbereitung.
Hinzu kommen zahlreiche Wanderausstellungen in Deutschland und Europa. Veranstaltungen und Publikationen zu zeitgeschichtlichen Themen ergänzen und vertiefen dieses vielfältige Ausstellungsprogramm. Dass allein im Haus der Geschichte in Bonn jährlich nahezu eine Million Besuche gezählt werden, spricht für diese Form von Geschichtsvermittlung.
Das eindeutige Ergebnis von repräsentativen Besucherbefragungen bestätigt dieses Interesse: Ein zweistündiger Ausstellungsbesuch kann mehr Geschichte vermitteln als die ebenso lange Lektüre eines historischen Sachbuches oder eine Fernsehdokumentation, eine Doppelstunde Geschichtsunterricht oder das Surfen im Internet.
Aus der Perspektive der Besucher vermittelt ein modernes Museum somit historische Information besonders gut, anschaulich und lebendig. Diese positive Einschätzung ist – dies zeigt auch die langjährige Museumserfahrung – darauf zurückzuführen, dass Ausstellungen eine spezifische Auseinandersetzung mit Geschichte und damit auch mit Erinnerung ermöglichen.
Denn: Sorgfältig erarbeitete Ausstellungen auf dem aktuellen Stand der historischen Forschung können Geschichte konkret, visuell orientiert und interaktiv vergegenwärtigen und erlauben so eine Annäherung an die Vergangenheit. Aussagekräftige Originalobjekte – dreidimensionale Gegenstände, Dokumente, Fotos, Film- und Tonaufnahmen – verdichten und verlebendigen das Geschehene.
Dabei stehen dem Besucher mehrere Zugangsebenen offen, zwischen denen er je nach individuellem Interesse wählen kann: Von Großeindrücken, die ein übergreifendes Bild der jeweiligen Zeitumstände vermitteln, bis hin zum Einzelobjekt in der Vitrine. Auf dieser Basis folgt die Stiftung Haus der Geschichte dem Prinzip, Zeitgeschichte narrativ zu vermitteln und – so ihr Motto – „Geschichteerleben®“ zu ermöglichen.
Durch die Faszination des Originals und die Lebendigkeit der Darstellung sprechen die Ausstellungen der Stiftung den Besucher sowohl auf kognitiver als auch auf emotionaler Ebene an.
Darüber hinaus schaffen sie Bedingungen für einen unmittelbaren Austausch vor Ort – auch über Generationen hinweg: Während jüngere Menschen nur auf einen kleinen Ausschnitt „erlebter Geschichte“ zurückschauen können, sind für ihre Eltern und Großeltern weiter zurückliegende Ereignisse ebenfalls Teil der eigenen Biografie und der eigenen Lebenserfahrung. So schrieb uns ein Besucher des Bonner Museums Ende 2008 ins Gästebuch: „Vieles hat mich an meine Kindheit und Jugend erinnert und meine eigenen Kinder konnten einen Blick in eine Welt ohne Gameboy und Playstation werfen.“
Zugleich kann die museale Präsentation auch als Korrektiv des Erinnerten dienen. Mögliche Widersprüche zwischen individuellen Erinnerungen und historischen Fakten werden nicht einfach „glattgebügelt“; sie erzeugen vielmehr Reibungspunkte, die idealerweise als Ansatzpunkt für Diskussionen und weitergehende Fragen dienen. Im Dialog wird so das denkbare Spannungsverhältnis zwischen den Alltagserfahrungen des Einzelnen und den politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Verhältnissen, zwischen individueller und kollektiver Erinnerung erfahr- und vermittelbar.
Die Ausstellungen der Stiftung tragen dazu bei, Kenntnisse zu vermitteln, Diskussionen anzuregen und die kritische Meinungsbildung zu fördern. Da die Objekte, die Sachzeugen der Vergangenheit, stets mehrdeutig sind, fordern sie zur Diskussion über unterschiedliche Erfahrungen und Interpretationen auf. Zugleich bieten historische Präsentationen vielfältige Anreize, Fragen zu stellen, doch sie geben keine Antworten vor. Strikt verweigern sie sich der Formulierung allgemeingültiger Wahrheiten. Vielmehr ermuntern sie, in der – auch kritischen – Betrachtung und Reflexion der Darstellung ein eigenes Urteil zu bilden.
So werden die Museen der Stiftung zu Orten einer lebendigen und – im besten Sinne – demokratischen Erinnerungskultur.






