Gastkommentar
Ein Skandal als Lehrstück
von Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur
Der Missbrauchs-Skandal am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten ist ein spannendes Lehrstück. Eine Gesellschaft, in der nur noch wenige Menschen moralische Verbote in Sachen Sexualität anerkennen, schaut besonders genau hin, wenn bekannt wird, dass ausgerechnet katholische Priester auf diesem Gebiet gesündigt haben. Mehr noch: Dass sie eines der letzten noch gültigen Sexualstrafgesetze übertreten haben, nämlich jenes, das Minderjährige vor Missbrauch schützen soll. Und weil der Ort des mehr als 25 Jahre zurückliegenden Dramas das katholische Elitegymnasium in der deutschen Hauptstadt ist, fällt das Medienecho besonders heftig aus.
Es liegt auf der Hand, dass in einem solchen Fall besonders genau hingeschaut wird. Seltsam ist es jedoch, wenn der Ruf nach rückhaltloser Aufklärung umschlägt in haltlose Pauschalunterstellungen. Geradezu lehrbuchmäßig kann man beobachten, wie der Skandal durch ungenaue Begriffe und Zahlen „hochgeschrieben“ wird – ähnlich wie dies vor einigen Jahren auch in vielen Diözesen der USA der Fall war. Aus den Vergehen von einem oder zwei Priestern an 20 bis 30 Schülern über einen Zeitraum von vermutlich acht Jahren wird in Berliner Zeitungen ein „systematischer Missbrauch über Jahrzehnte“, in anderen Meldungen ein „massenhafter sexueller Missbrauch“. Alsbald folgt die „Ausweitung“ des Skandals auf alle Schulen, an denen die beiden Patres je tätig waren, dann auf den Jesuitenorden und den Vatikan, und schließlich auf die gesamte katholische Kirche.
Wohlgemerkt: Die Schuld der Täter und das Versagen der kirchlichen und staatlichen Kontrollinstanzen sollten untersucht und benannt werden. Aber die Kirche sollte sich auch trauen, auf den Unterschied zwischen den Straftaten einzelner und einem angeblichen „jahrzehntelangen, systematischen, massenhaften Missbrauch“ hinzuweisen.






