Gedanken zum Evangelium
Ein österlicher Lebensentwurf
Der Text der zweiten Lesung aus der Offenbarung des Johannes stellt die große Zukunftsvision auf dem Hintergrund der österlichen Erfahrung des Verfassers dar. Daraus sollte nach Meinung von Maria Beineke-Koch jeder Christ seinen eigenen österlichen Lebensentwurf gestalten.
von Maria Beineke-Koch
An den Ostersonntagen hören wir als neutestamentliche Lesung Auszüge aus der Offenbarung des Johannes. Diese Leseordnung macht für mich Sinn, denn der Verfasser schreibt seine große Zukunftsvision mit der „Ostererfahrung im Rücken“.
Seinen Bildern der Zukunft von Mensch und Welt, der Neuschöpfung durch Gott, liegt die Gewissheit der Auferstehung Jesu zugrunde. Mit seinem Sterben und Auferstehen hat Jesus die zerstörerische Macht von Gewalt und Tod letztlich überwunden, auch wenn uns die Erfahrung von Leid, Gewalt und Tod in unserem Leben noch so sehr ängstigt und bedrängt.
Durch den Weg, den Jesus gegangen ist, hat er außerdem alles Trennende zwischen Mensch und Gott beiseite geräumt. Gott und Mensch können sich neu begegnen. Dies bringt der Seher von Patmos in der zweiten Lesung in sehr berührenden Bildern zum Ausdruck: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen … Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.“
Gott kommt dem Menschen nah, er nimmt Anteil am Schicksal des Menschen, so sehr, dass er ihn tröstet. Er wischt ihm die Tränen aus den Augen. Welch wohltuende, zärtliche Geste, mit der hier Gottes Handeln am Menschen beschrieben wird. Jede und jeder, der in einer Situation großen Kummers und Schmerzes erlebt hat, durch eine solch behutsame Berührung getröstet worden zu sein, kann nachempfinden, wie wohltuend für die Seele des Menschen dieses Bild eines dem Menschen zugewandten Gottes sein kann; möglicherweise auch befremdlich, weil ungewohnt, sich Gott so behutsam und zärtlich vorzustellen.
Aber ist das nicht das Entscheidende des Ostergeschehens für uns heute: die Botschaft von Ostern in unser Leben zu übertragen? Aus dieser Gewissheit zu leben, dass Gott sein Interesse an mir, seine Liebe zu jedem Menschen in unüberbietbarer Weise dokumentiert hat: durch den Weg seines Sohnes an das Kreuz, in den Tod und durch den Tod hindurch in neues, unvergängliches Leben hinein?
Ähnliche Worte wie Johannes findet fast 2 000 Jahre später Rudolf Otto Wiemer in seinem „Entwurf für ein Osterlied“. Da können wir lesen: „… es lebt sich leicht im Tal der Hoffnung. Gebete werden erhört. Gott wohnt nah hinterm Zaun“. Während eines meditativen Nachmittags in der Osterzeit habe ich in einer Gruppe miterlebt, wie dieser Text „Entwurf für ein Osterlied“ kreativ umgesetzt wurde.
Die Teilnehmerinnen gestalteten mit verschiedenen Materialien Bodenbilder zu einzelnen Worten oder Versen des Gedichts. Eine Gestaltungsidee hat mich besonders angesprochen: Eine Teilnehmerin hatte das Wort E N T W U R F in die einzelnen Buchstaben zerlegt und die Aufforderung dazu geschrieben: Bitte ausprobieren! Eine Aufforderung, die Buchstaben wieder zusammenzufügen oder neue Worte zu finden. Diese Anregung bekam für mich eine tiefere Bedeutung. Ich habe das Wort RUF entdeckt. Ich habe die Aufforderung in der Weise verstanden, aufgerufen zu sein zu einem Lebensentwurf, der von der Osterhoffnung geprägt ist, auszuprobieren, wie sich mein Leben wandelt, wenn ich aus der Hoffnung auf den nahen Gott lebe.
Diese Anregung möchte ich weitergeben: Es lohnt sich, einen österlichen Lebensentwurf zu wagen, auszuprobieren, was es bedeutet, dem Gott der Nähe und des Trostes zu vertrauen! Christen sollen österliche Menschen werden!







