Die Seelsorge für Katholiken anderer Muttersprachen benötigt ein neues Konzept. Monsignore Wolfgang Miehle ist Nationaldirektor für die Ausländerseelsorge.
Eine Pastoral für die „Wanderer zwischen den Kulturen“ wird gebraucht

- Msgr. Wolfgang Miehle hat 1970 die Priesterweihe empfangen und ist Priester der Diözese Augsburg. Über 20 Jahre war er Stadtpfarrer in einer Arbeiterpfarrei. Von 1998 bis 2003 war er KAB-Diözesanpräses in Augsburg. Seit 2003 ist er Nationaldirektor für die Ausländerseelsorge im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.
Für Konzepte einer interkulturellen Pastoral spricht sich Monsignore Wolfgang Miehle in seinem Gastbeitrag für diese DOM-Ausgabe aus. Miehle ist Nationaldirektor für die Ausländerseelsorge im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Die Zuwanderung ist seiner Meinung nach Herausforderung und Cance zugleich.
von Wolfgang Miehle
Der deutsch-italienische Anwerbevertrag von 1955 markiert den Beginn der modernen Arbeitsmigration nach Deutschland. Die damit angestoßenen gesellschaftlichen und kirchlichen Veränderungen waren damals nur wenigen bewusst. Tatsächlich wurde Deutschland ein Einwanderungsland, auch wenn dies weithin erst mit dem sogenannten Zuwanderungsgesetz von 2005 zur Kenntnis genommen wurde.
Zurzeit leben in Deutschland 6,75 Millionen Ausländer, darunter rund 3,2 Millionen Christen (2 Millionen Katholiken, 0,9 Millionen Orthodoxe und Altorientale sowie 0,3 Millionen Evangelische und Freikirchler). Unter den Migranten sind ebenso viele Christen wie Muslime, was in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Nach seriösen Schätzungen leben weitere ca. 0,3 Millionen Katholiken ohne gültigen Aufenthaltsstatus in Deutschland. Auch sie haben ein Recht auf pastorale Begleitung.
Die katholische Kirche weiß sich gegenüber den Migranten sowohl einem diakonisch-advokatorischen als auch einem missionarisch-pastoralen Auftrag verpflichtet. Zudem steht fest, dass katholische Zuwanderer durch Taufe und Firmung nicht Gäste, sondern gleichberechtigte Mitglieder der deutschen Ortsgemeinden sind.
Es ist eine „pastorale Erfolgsgeschichte“, dass die deutschen Diözesen durch die Errichtung von derzeit 408 muttersprachlichen Gemeinden (Missionen) für 30 Volks- bzw. Sprachgruppen den katholischen Migranten die Pflege der eigenen religiösen Traditionen und Riten, zugleich aber auch die Beheimatung unter dem Dach der deutschen Ortskirche erleichtert haben.
Derzeit steht im Rahmen der Pastoralplanungen der deutschen Diözesen auch die Weiterentwicklung der bisherigen Form der Missionen an. Dazu wurde ein Drei-Stufen-Modell entwickelt: Die klassische Mission ist weiterhin als „Anlaufstelle“ für die vielfältigen Bedürfnisse der Migranten notwendig. Allerdings werden sich Anzahl, Organisationsformen und pastorale Zielsetzungen verändern. Daneben sollen sich unterschiedlichste personelle und strukturelle Kooperationsformen zwischen deutschsprachigen und muttersprachlichen Gemeinden entwickeln.
Wird eine Mission aufgelöst, sollen deren Gemeindemitglieder als eigene muttersprachliche Gemeinschaft mit denselben Rechten – etwa einem Sitz im Pfarrgemeinderat – wie andere Pfarreigruppen in die Ortspfarrei integriert werden. Der Gemeindegottesdienst wird dann teilweise zweisprachig gestaltet.
Der Perspektivenwechsel weg vom Misstrauen gegenüber Migranten hin zur partnerschaftlichen Kooperation ist in unseren Gemeinden noch nicht selbstverständlich. Wo er misslingt, wandern muttersprachliche Katholiken oft zu Sekten und Freikirchen ab. Das kann uns nicht gleichgültig lassen. In den vergangenen Jahren ziehen vermehrt Migranten aus Asien, Afrika und Lateinamerika zu. Dies ist eine neue pastorale Herausforderung, aber auch eine Chance der alltäglichen Erfahrbarkeit von Weltkirche.
Im Zeitalter der Globalisierung wandelt sich Migration vom Ausnahme- zum Regelfall. Auch die Sozialstruktur der Migranten wird vielgestaltiger und damit anspruchsvoller. Dies erfordert Konzepte interkultureller Pastoral. Nach wie vor haben Kinder mit Migrationshintergrund geringere Schulerfolge und damit schlechtere Ausbildungs- und Berufschancen. Ehrenamtliche Hausaufgabenbetreuung in den Gemeinden könnte dort weiterhelfen.
Viele Migranten der dritten Generation erleben sich als „Wanderer zwischen den Kulturen“. Eine von Ortsgemeinde und Mission gemeinsam verantwortete Pastoral ist deshalb insbesondere bei der Hinführung der Kinder und Jugendlichen auf Erstbeichte, Erstkommunion und Firmung bzw. bei Tauf- und Ehevorbereitung sowie Ehebegleitung dringend geboten.
Nach wie vor gilt die Aussage der deutschen Bischöfe im Integrationspapier vom 22. September 2004: „Der Umgang zwischen ausländischen und deutschen Katholiken in unseren Gemeinden kann zu einem Motor für ein zukunftsweisendes Zusammenleben in der deutschen Einwanderungsgesellschaft werden. Die Integrationsleistung und -kompetenz der muttersprachlichen Gemeinden muss in diesem Zusammenhang hervorgehoben werden.“






