Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Strüverhof in Hamm führt Jugendliche in die Selbstständigkeit

Eine echte Perspektive fürs Leben

Hat auf das richtige Pferd gesetzt: Annika hat auf dem Strüverhof eine Ausbildung zur Pferdepflegerin absolviert. Foto: Plamper

Hamm. Sie sind kratzbürstig, unfähig sich anzupassen, verweigern sich jeder Annäherung. Manche pubertierende Jugendliche erleben ihren Weg des Erwachsenwerdens als Katastrophe, empfinden das Leben sogar als einen einzigen Schmerz. Orientierungslosigkeit, Unzuverlässigkeit, Unnahbarkeit sind nur einige Folgen. In Kooperation mit Eltern und Jugendamt bietet der Strüverhof für sie einen geschützten Raum, sich (wieder) zu finden und sich neu zu definieren.

von Elisabeth Plamper


„Ich hatte einfach keine Lust“, erzählt Annika. Sieben Jahre sind inzwischen vergangen. Die damals 15-Jährige schwänzte die Schule, wann immer es ging, „hing nur rum“, wie sie immer wieder zu hören bekam. Was sie wirklich wollte, wusste sie nicht, konnte sie nicht erfühlen. Wie in einem Strudel drohte sie abzugleiten in eine Welt ohne Perspektive.
Ihre Eltern suchten Rat beim Jugendamt und sie kam auf den Strüverhof, entdeckte dort ihre Liebe zu Pferden. „Ihnen kann man alles erzählen, sie hören zu, spitzen die Ohren, freuen sich, wenn man kommt.“ Sie verbringt viel Zeit im Stall, engagiert sich in der Pferdepflege. „Ich habe mich oft bei den Pferden ausgeweint“, erinnert sich Annika heute.
Langsam nimmt ihr Leben wieder Form an, bekommt Struktur. Ihr Zuhause ist eine Wohngruppe auf dem Hof. Sie traut sich etwas zu, macht ihren Schulabschluss nach und beginnt eine Lehre im Bereich Körperpflege und Kosmetik. Doch sie spürt, sie möchte noch etwas anderes machen, irgendetwas mit Pferden. Reittherapeutin Christine Gutschalk auf dem Strüverhof erkennt ihre Sehnsucht und die ihr eigene Fähigkeit mit den Tieren umzugehen, bietet ihr ein Praktikum an.
Das Wohnen und Arbeiten in der Einrichtung gibt der jungen Erwachsenen weitere Kraft und führt sie zu ihrem Traumberuf. Pferdepflegerin, das möchte sie werden. Die Ausbildung kann sie auch auf dem Strüverhof absolvieren. Zur praktischen Arbeit im Stall kommt nun das „Büffeln“ der theoretischen Fachkenntnisse. Zielstrebig verfolgt sie ihr Ziel und schließt die Ausbildung erfolgreich ab.
Eine Festanstellung auf dem Strüverhof bietet ihr nun soziale Sicherheit und finanzielle Unabhängigkeit. Die 22-Jährige steht jetzt auf eigenen Füßen, hat inzwischen eine eigene Wohnung und geht ihren Weg. Für Irmgard Wiek, pädagogische Leiterin auf dem Strüverhof, und Chris­tine Gutschalk die schönste Belohnung ihrer Arbeit.
Annika steht für viele andere, die mit der pädagogischen und therapeutischen Hilfe auf dem Strüverhof, dessen Träger das St.-Vincenz-Jugendhilfe-Zentrum in Dortmund ist, „fit für ihr Leben“ wurden. Die Philosophie für die Arbeit mit den oft von der Gesellschaft als „schwierig“ oder als „schwer erziehbar“ bezeichneten Jugendlichen ist einfach. Die Botschaft lautet: „Wir interessieren uns für dich“ und „das ist auch ein Versprechen an die Jugendlichen“, so Irmgard Wiek. Verlässliche Strukturen, Zuhören und Anregungen geben, konsequent wie liebevoll, sind die Grundlage für das Zusammenleben unter Berücksichtigung des christlichen Menschenbildes.
„Jeder wird so akzeptiert und angenommen, wie er ist, soll sich hier wohlfühlen und seinen eigenen Platz finden.“ Im Mittelpunkt steht zunächst das zur Ruhe kommen, Abstand zum aktuellen „Alltag“ gewinnen, persönliche Schwierigkeiten bewältigen. „Das schafft Raum für neue Entwicklungen und eigene Zukunftsperspektiven.“ Ein breit gefächertes schulisches Angebot der Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung berücksichtigt die besonderen Bedürfnisse der Jugendlichen und bietet in kleinen Gruppen individuelle Förderung. „Es können aber auch ortsnahe Regelschulen, berufsbildende Schulen und berufsvorbereitende Maßnahmen in Hamm besucht werden.“ Zudem bildet der Strüverhof beispielsweise in der eigenen Gärtnerei und im Hauswirtschaftsbetrieb selbst Lehrlinge aus. Praktika ermöglichen einen ersten Einblick in die Berufswelt.


23.05.2012
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