Unternehmerin, Krankenhausdirektor und
Eine himmlische Tarifauffassung
Finnentrop/Paderborn. Nein, so einfach in den Arbeitsalltag übersetzen lasse sich dieses Evangelium nicht. Da sind sie sich einig. Das verstoße gegen das Gebot der Gleichbehandlung, sagt die Unternehmerin Dr. Andrea Freiburg. Leistungen ließen sich nicht mit der Gießkanne ausschütten, kommentiert Krankenhausdirektor Dr. Josef Düllings. Und eigentlich sei das eine Beschädigung des Rechts-Bewusstseins, sagt DGB-Chef Guntram Schneider. Doch allen dreien ist der Besitzer des Weinberges mit seiner unkonventionellen himmlischen Tarifauffassung sympathisch.
von Christian Schlichter
Eigentlich entspricht sie genau dem landläufigen Klischee einer Wirtschaftsmanagerin. Juristin, promoviert, seit Jahren in der Firmenleitung, als Geschäftsführerin für 180 Mitarbeiter verantwortlich. Knallhart müsste sie sein, sich beim Thema Tarife winden, Ausflüchte suchen, den Vergleich zwischen Bezahlung für das Himmelreich und in ihrem Betrieb für Verpackungsmaterialien lautstark zurückweisen. Doch Dr. Andrea Freiburg passt nicht in dieses Bild. Denn ihre Firma mit dem „Full-Service für die Verpackungsindustrie“ ist erstens ein Familienbetrieb in zweiter Generation und liegt zweitens mitten im Sauerland. Und drittens ist die Firmenchefin nicht nur katholisch sondern auch als Organistin in der eigenen Gemeinde aktiv. Kein Wunder also, dass sie den Weinbauern aus dem Evangelium nicht für völlig verrückt und nicht für in die Arbeitswelt übertragbar hält. Denn „seine Haltung ist für mich ein Ausdruck des Guten und der Gerechtigkeit“, sagt die 49-Jährige. „Das spricht mich sehr an.“
Kein Wunder, weiß sie doch aus eigener Erfahrung, dass es im wirklichen Leben nie so zugeht, wie in Vorschriften. Nein, einem Mitarbeiter einfach mehr zu geben, sagt sie, das verstoße ja allein aus arbeitsrechtlicher Sicht gegen das Gebot der Gleichbehandlung. „Da sind uns ja im Grunde alle Möglichkeiten genommen.“ Tarifrecht, die wirtschaftspolitischen Bedingungen des „low-cost-Prinzipes“, also Höchstleistungen mit höchster Qualität zu erbringen und immer auf die Kosten zu achten, stehen dagegen.
Doch so eindeutig sich das zunächst anhört, im Detail ist die Firma Freiburg Verpackungen kein Hort von Wirtschaftskälte. Im Betrieb wird analog Tarif bezahlt. Und natürlich bekommt ein Mitarbeiter, der mehr leistet, auch mehr Lohn als andere. Darüber hinaus gibt es auch noch jede Menge arbeitgeberliche Fürsorge: Hilfe in Notlagen, Ansprache, finanzielle Unterstützung. Ganz rational, das sagt Dr. Andrea Freiburg, könne sie einem Mitarbeiter, der nur für eine Stunde Leistung erbringe nicht das zahlen, was jemand für acht Stunden erhält. So herum nicht. Andersherum schon. Wer mehr leistet, erhält auch mehr.
Dr. Josef Düllings ist promovierter Soziologe. Eine Voraussetzung, die ihm gerade in der derzeitigen Situation gut zupaß komme. Denn als Chef des Paderborner Vincenz-Krankenhauses mit vier Kliniken unter einem Dach sei es derzeit besser mit der soziologischen, als mit der ökonomischen Brille zu schauen. Geschenke wie im Evangelium gibt es auch unter seinen 2000 Mitarbeiter auf rund 1400 Stellen nicht. Oder nicht direkt. Anreize gibt es. Für Abteilungen beispielsweise, die gut gearbeitet haben. Wie die Innere oder die Kardiologie im vergangenen Jahr. Da gab es einen Bonus für ein Abteilungsfest. Auch Außertarifliches gibt es in dem kirchlichen Haus der Vincentinerinnen. Alles streng in Absprache mit der Mitarbeitervertretung. Man sitze ja gemeinsam in einem Boot, Dienstgeber und Dienstnehmer, sagt der 49-Jährige.
Im Detail gibt es dann doch etwas im katholischen Paderborner Krankenhaus, das dem Weinbauern gleichkommt: Die neue Facharztregelung. Als Anwerbeprämie auf dem derzeit hart umkämpften Ärztemarkt zahlt das Vincenz künftig nach einem Jahr Betriebszugehörigkeit ein 14. Monatsgehalt. Für die, die jetzt einsteigen, also zuletzt gekommen sind, gibt es also mehr. Die, die bereits da sind, murren deswegen. Kündigen, kommen aber auch manchmal wieder. Da ist derzeit einiges in Bewegung, Ärzte werden händeringend gesucht.
Tarifrechtlich, sagt Guntram Schneider, sei das Gleichnis kein Problem. Für den DGB-Chef aus Düsseldorf ist das eine klare Sache: der Weinbauer darf zwar mehr geben. Immerhin seien es seine Denare. Aber letztlich übervorteile er damit die zuerst Eingestellten. Ob das gerecht sei, sei eine philosophische, oder eben eine Glaubensfrage. Wobei, das fügt der 57-Jährige noch ein, es einen gerechten Lohn sowieso nicht gebe. Alle Tarife hätten mit Moral gar nichts zu tun. Sie seien vielmehr abhängig von Faktoren wie Wertschöpfung oder Durchsetzungskraft. Davon könne beim Besitzer des Weinberges und seiner „Tarifabsprache“ ja nun nicht die Rede sein. Aber aus seiner langjährigen Tätigkeit für den großen DGB sei ihm so ein Fall auch noch nie vorgekommen, schließt der in Gütersloh evangelisch aufgewachsene Schneider ab. Das gebe es wohl nur im Himmelreich.







