Gedanken zum Evangelium
Einer, der sich sehen und erkennen ließ
Damit Glaube möglich wird, braucht es situations- und zeitgemäße Wege, auf denen Jesus den Menschen unserer Zeit erscheinen kann. Er lässt sich auch heute sehen. Davon ist Msgr. Alois Schröder überzeugt.
von Msgr. Alois Schröder
Es ist tröstlich, aus den biblischen Ostererzählungen erfahren zu können, wie schwer sich die ersten Zeugen mit der Kunde von der Auferstehung Jesu getan haben. Wir lesen in den Evangelien, dass sie erst nach und nach zum Glauben an den Auferstandenen kamen. Das war ein durchaus langer und schwieriger Prozess. Selbst bei der Himmelfahrt Jesu hatten noch einige Jünger Zweifel.
Die erste Reaktion auf die Botschaft vom leeren Grab und von der Auferstehung des Herrn waren Angst, Ungewissheit und Skepsis. Staunen und Furcht, Verwunderung und Erschrecken wechselten einander ab. Goethes Faust würde es so formulieren: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube; das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“
Jesus kommt denen entgegen, die nicht wussten, dass er es war, der am Ufer stand. So lesen wir im heutigen Evangelium. Er kommt denen zu Hilfe, die nur mit den leiblichen, nicht aber mit den Augen des Glaubens sehen. Es braucht eine neue und andere Art des Erkennens, um ihn in seiner neuen Existenzweise zu erfassen. Maria von Magdala hält ihn für den Gärtner, bis er sie mit ihrem Namen „Maria“ anspricht (Joh 20,16). Thomas darf Zweifel anmelden. Er wird von Jesus nicht getadelt oder zurückgewiesen. Vielmehr darf er die Wundmale Jesu berühren. Er „begriff“ und kam zum Glauben: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,18). Und die Emmausjünger sind wie mit Blindheit geschlagen, als Jesus unterwegs mit ihnen sprach. Erst beim Brechen des Brotes gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen ihn (Lk 24,31).
Auch im Evangelium gibt sich Jesus den Jüngern bei einem alltäglichen Vorgang zu erkennen, beim Fischfang. Allerdings springt der Funke des Erkennens erst über, als sie sich auf sein Wort einlassen: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen.“ Sie tun es gegen alle Vernunft, hatten sie doch in der Nacht nichts gefangen. Und dann geht ihnen angesichts des großen Wunders ein Licht auf. Nicht genug. Jesus gibt seinen Jüngern eine weitere Sehhilfe. Er lädt sie zum Mahl ein. So erfahren sie, dass die Gemeinschaft mit dem irdischen Jesus ihre Fortsetzung nach Ostern findet, wenn auch in einer neuen Weise.
Ja, die Jüngerinnen und Jünger Jesu kamen erst nach und nach zum Glauben an ihn, den Auferstandenen. Sie mussten durch das Dunkel von Frage und Zweifel hindurch. Nicht aus eigener Einsicht und Kraft kamen sie zur Erkenntnis. Jesus ließ sich erkennen. Er ließ sich sehen und offenbarte sich ihnen als der auferstandene Herr. Er stellte sich auf die jeweilige Situation derer ein, die offen und bereit für den Glauben waren. Er eröffnete ihnen je eigene und verschiedene Wege zur Erkenntnis seiner Person.
Auch heute lässt sich Jesus sehen und erkennen. Er sieht die Fragen und Zweifel, die wir und andere angesichts der Botschaft von seiner Auferstehung haben. Er sieht auch unsere Sehnsucht, ihn mitten in unserem Leben erahnen und erleben zu können. Werden wir als Kirche einander und den vielen Suchenden unserer Zeit situations- und zeitgemäße Wege aufzeigen, auf denen sie Jesus erfahren und erspüren können? Wird es uns gelingen, den Tisch des Wortes und des Brotes so zu bereiten, dass der Herr erkannt werden kann?
Lässt er sich sehen, wird er sichtbar, wenn wir uns als Christen versammeln? Werden wir, werden andere erstaunt sagen können: Seht, wie sie einander lieben? Werden sie mit dem gleichen Atemzug bekennen: Seht, da ist Christus, unser und euer Gott?







