Aktuelle Ausgabe
2012-20

Michael Rindermann lässt die alte Weinbautradition des Klosters Corvey neu aufleben

Es wächst wieder Wein an der Weser

Corvey. Das Weserbergland ist wieder Weinregion geworden. Hatten einst schon die Corveyer Äbte an ihren Weserhängen Wein anbauen lassen, so griff Michael Rindermann diese Tradition wieder auf. Ende September erntete er seine ersten Trauben.  

von Richard Schleyer 

Der vereidigte Messweinlieferant Rindermann betreibt seine Weinhandlung im Domänengebäude der ehemaligen Abtei, mit direktem Blick auf deren karolingisches Westwerk mit den charakteristischen Doppeltürmen. Der gebürtige Eichsfelder ist ein kirchlich engagierter und geschichtlich interessierter Mann. So lag es für ihn nahe, nach den Spuren des Corveyer Weinbaus an der Weser zu forschen, zusammen mit anderen heimatgeschichtlich Interessierten. Der 1678 durch Fürst-abt Christophorus von Bellinghusen an klostereigenen Weserhängen wiederbegonnene Weinbau ist inzwischen gut dokumentiert. Auf dem wunderschön gelegenen Räuschenberg hatte er zu repräsentativen Zwecken einen Weinberg anlegen und einen Gutshof mit Kapelle bauen lassen. Als die dänische Königin in Corvey zu Besuch weilte, ließ es sich der Fürstabt nicht nehmen, sie in seinem Weinberg zu empfangen. Heute finden sich in dem Gelände nur noch wenige Mauerreste. Erhalten blieb aber die Weinbergskapelle, bei deren Renovierung Michael Rindermann, Schatzmeister des „Verein zur Erhaltung und Nutzung der Weinberg-Kapelle“, selbst kräftig mithalf.

Rindermann wusste also, wo vor 300 Jahren die Corveyer Reben standen. Auf seinen Anstoß hin starteten nun Studenten der Landschaftsarchitektur der Fachhochschule Lippe/Höxter mit ihrem Professor Winfried Türck ein Projekt, indem sie untersuchten, welche Lagen und Böden an den Weserhängen um Corvey sich am ehesten für Weinbau eignen würden und welche Sorten in Frage kämen. Nach dieser Vorarbeit erfüllte sich Michael Rindermann seinen langgehegten Wunsch und pflanzte im vergangenen Jahr 99 Rebstöcke der robusten und frostresistenten Rebsorten Regent, ein weicher dunkler Rotwein, und Phönix, ein leichter Weißwein. 30 Liter Traubensaft hat Rindermann aus seinen Reben gekeltert. Während der Saft kräftig vor sich hingärt, erkundigt sich sein Mitarbeiter derzeit bei der befreundeten Winzergenossenschaft Bickensohl im badischen Kaiserstuhl nach den Geheimnissen des Weinausbaus, indem er dort bei der Lese und den Kellerarbeiten mithilft.

Das ein viertel Hektar große Areal am Räuschenberg hatte ein Höxteraner Unternehmer für das Weinexperiment zur Verfügung gestellt. Das europäische Weingesetz schreibt vor, dass außerhalb der anerkannten Weinbauzonen nicht mehr als 99 Stöcke zusammenhängend gepflanzt werden dürfen. Rindermann hofft aber, dass in den nächsten Jahren diese Bestimmungen gelockert werden. Will er doch nicht den großen Winzern aus den bekannten deutschen Weinregionen Konkurrenz machen, deren Weine er ja gerne verkauft. Er sieht seine Reben eher als Hobby und als Pflege lokaler Tradition. Den Namen für seinen Wein hat er der Flurlage des Grundstücks entnommen. „Corveyer Hexenstieg Cuvee“ ist auf dem Etikett angegeben, mit der stolzen Lagebezeichnung „Weserbergland“. Die wenigen Flaschen sind auch nicht zum Verkauf bestimmt, sondern werden bei den Versammlungen des Weinbergkapellen-Vereins konsumiert. Wenn Michael Rindermann kirchliche Gruppen zu Weinproben einlädt, dann führt er Weine der ehemaligen Corveyer Besitzungen vor. Das Kloster besaß große Weinberge an der Mosel und auch im Rheingau.


23.05.2012
Impressum | Kontakt
4002