Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Evangelium häppchenweise

Prof. Dr. Michael Kunzler,Kamp 6, 33098 Paderborn

Wir Christen müssen durch unser Lebenszeugnis wie Johannes „Vorläufer Christi“ werden. Wir sind die heutigen Boten der Menschenfreundlichkeit Gottes, so erläutert Michael Kunzler, der in Paderborn Liturgiewissenschaft lehrt.


von Michael Kunzler

Manch wichtige Nachricht muss man erst einmal schlucken und verdauen! Das gilt auch für das Evangelium, die Frohbotschaft von Jesus Christus. Einer ihrer Kernsätze lautet: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16). Erfassen wir Christen die ganze Tiefe und Bedeutung dieses Satzes, ja all dessen, was mit der Person und dem Werk Jesu Christi zusammenhängt? Auf welche Reaktion hätten wir zu rechnen, wenn von uns verlangt würde, einem Menschen, der vom Christenglauben überhaupt keine Ahnung hat, zu erklären, dass Gott jeden einzelnen Menschen und damit auch ihn so sehr liebt, dass er für ihn seinen eigenen Sohn hingibt? Wie würde unser Gegenüber reagieren, wenn wir ihm noch mehr vom Christenglauben berichten? Zum Beispiel, dass  der Schöpfer des Weltalls als Kind in einer Krippe liegt, oder, dass er seinen Gläubigen seinen Leib und sein Blut schenkt als Arznei gegen den Tod und Medikament des ewigen Lebens? Wir würden von unserem Gesprächspartner möglicherweise auf ungläubiges Kopfschütteln stoßen. Vielleicht ist die Frohe Botschaft des Christenglaubens doch ein zu großer Brocken, um ihn auf einmal hinunterschlucken zu können! Ist dies vielleicht der letzte Grund für die ganze Heilsgeschichte vor dem Erscheinen unseres Erlösers auf Erden? Musste eine viele Jahrhunderte währende Erziehung des Menschengeschlechtes auf Christus hin erfolgen, damit die ganze Tragweite unserer Erlösung in etwa erfasst werden konnte? Viele Stationen waren dazu notwendig: Erst einmal, dass Gott den sündigen Menschen, der seine Freundschaft weggeworfen hat, dennoch „nicht der Macht des Todes überlassen“, sondern allen voll Erbarmen geholfen“ hat, ihn „zu suchen und zu finden“ (4. Hochgebet der Messe). Sodann, dass Gott mit Abraham Freundschaft schloss, dass er ein Volk erwählte, dass er sich dem Mose vorstellte als der Gott, der für die Menschen da ist, dass er sein Volk durch die Wüste in eine neue Heimat führte, dass er immer wieder hinter den Geschicken seines Volkes stand und es durch alle Höhen und Tiefen seiner Geschichte begleitet hat.
„Immer wieder aber hast du Menschen einen Bund gewährt und sie durch die Propheten gelehrt, das Heil zu erwarten“ (4. Hochgebet der Messe). Immer wieder sprach Gott zu seinem Volk durch die Propheten, dass der Immanuel, der „Gott mit uns“ als Erlöser und Retter kommen werde, dass Barmherzigkeit besser sei als alle Opfer, dass sein Erwählter leiden werde und sein Tod das Leben der Welt bedeutet. An diesem 2. Advent steht uns Johannes der Täufer vor Augen. Er ist der letzte Vertreter des Alten Bundes, der letzte und größte Prophet, der auf Christus hinweist, den Erlöser, der alles Bisherige in der Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen weit übersteigen wird. Des Täufers Taufe mit Wasser weist hin auf die Feuertaufe des Erlösers, der zur innigen Verbindung mit sich selbst und zur Teilhabe an seiner Herrlichkeit einlädt. Viele Menschen, die zu Johannes gekommen waren, fanden zu Christus, sodass der schönste Ehrentitel des Täufers der des „Vorläufers“ ist, der dem Herrn den Weg bereitet, damit Menschen zu ihm finden können. Könnten nicht auch wir Christen Vorläufer und Wegbereiter des Herrn sein, damit viele unserer Mitmenschen zu ihm und damit zum ewigen Heil finden, gleichsam „Häppchen“ der unendlichen Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes, die den Suchenden den Weg erschließt zu Christus, zur Fülle der Frohen Botschaft? Dazu sind wir berufen, und dies nicht nur in diesen vorweihnachtlichen Tagen.


23.05.2012
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