Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kirchengeschichtler Joachim Schmiedl über die Bedeutung der 68er-Bewegung für die Kirchen

„Für manchen war die Diskussionsfreudigkeit zu viel“

Joachim Schmiedl, geboren 1958, ist Priester des Säkularinstituts der Schönstatt-Patres und lehrt an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar Kirchengeschichte. Er ist Direktor des dort angesiedelten Instituts für Theologie und Geschichte religiöser Gemeinschaften und Präsident der Deutschen Sektion.

Joachim Schmiedl beschreibt in seinem Gastbeitrag, wie die Stimmung in der katholischen Kirche im Jahr 1968 vom Aufbruch geprägt war. Er skizziert dabei, welchen Einfluss bestimmte Themen auf die gesamte Entwicklung, etwa während des Essener Katholikentags 1968, hatten.

 

von Joachim Schmiedl

 

Die 1968er füllen die Regale der Buchhandlungen. Lebenserinnerungen und Analysen zeugen 40 Jahre danach von einer aufgeheizten Stimmung und sich verändernden Mentalitäten im Umfeld der Studentenbewegung. Von Religion ist weniger die Rede. 1968 war aber auch für die Kirche ein wichtiges Jahr.

Die Grundlinien der Kirchenreform des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden Schritt für Schritt umgesetzt. Auf Ostern 1968 wurde die ökumenische Textfassung des Vaterunser in Kraft gesetzt. Die Einführung der Eucharistiefeier in deutscher Sprache wurde durch mehrere Teilschritte vorbereitet. Seit 1968 durften auch Laien die Kommunion austeilen. Doch die Dynamik der gesellschaftlichen Veränderungen machte vor der katholischen Kirche nicht halt. Das „Haus voll Glorie“, „auf Zion fest gegründet“, wurde zum „Gottes Zelt auf Erden“ und „wandernd Volk“ – in den in diesen Jahren entstandenen Zusatzstrophen des bekannten Kirchenlieds lässt sich diese Veränderung mit Händen greifen.

Organisatorisch veränderte sich 1968 das Gesicht der deutschen Kirche. Der Verbandskatholizismus verlor in den 1960er-Jahren seinen früheren Stellenwert. Neue Stichworte wie „christliche Mündigkeit“, „Engagement der Laien“, „Demokratisierung in der Kirche“ kamen auf. Sie wurden konkret im Kontext der auf Pfarrei- und Diözesanebene neu entstehenden Räte. In dem Ringen um den rechten Platz der verschiedenen Teilgruppen in der Kirche hatten die Priester der Nachkonzilszeit ihre bisherige Führungsposition verloren. Sie, die bisher wesentlich zum Zusammenhalt des katholischen Milieus beigetragen hatten, waren selbst in eine umfassende Identitätskrise geraten. „Aktionsgemeinschaften“ und „Solidargruppen“ unter Beteiligung von (amtierenden und ehemaligen) Priestern und Laien machten deutlich, dass die Plausibilität des Zölibats nicht mehr ohne weiteres gegeben war.

Die Auseinandersetzungen um Sexualität und Empfängnisregelung führten im Jahr 1968 zu einer Entfremdung zwischen den bis dahin das katholische Milieu tragenden Mitgliedern der Kerngemeinden und den Kirchenleitungen. Zu kontroversen Haltungen kam es dabei unter anderem in der Frage der sexuellen Aufklärung der Kinder und Jugendlichen im Schulunterricht. Doch die Wogen gingen vor allem hoch, als am 25. Juli 1968 die Enzyklika „Humanae vitae“ veröffentlicht wurde. Die Enzyklika „Humanae vitae“, die sich in ihrem Urteil über die sittliche Erlaubtheit der künstlichen Empfängnisregelung auf das Minderheitenvotum der päpstlichen Kommission stützte, stand im Gegensatz zum gesellschaftlichen Mainstream, der die „sexuelle Revolution“ propagierte.

Doch die Berichterstattung in den Massenmedien und die Aufnahme unter den Katholiken war eine sehr eingeengte. Dass es sich bei „Humanae vitae“ um eine, wenn auch zugespitzte, Fassung der Konzilslehre über die Ehe, wie sie in „Gaudium et spes“ in den Nummern 47 bis 52 vorgelegt wurde, handelte, eine Lehre, die gegenüber der vorher vertretenen Auffassung von den primären und sekundä­ren Ehezwecken als Befreiung empfunden wurde, fiel 1968 nicht mehr ins Gewicht. Die Beschleunigung der Zeit hatte dazu geführt, dass der Blick einzig und allein auf die Beantwortung der Frage nach den Methoden der Empfängnisregelung gerichtet wurde.

Unter dem Eindruck von „Humanae vitae“ und der Invasion des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei stand der Essener Katholikentag. „Mitten in der Welt“ nahmen die deutschen Katholiken teil an der allgemeinen Verunsicherung, an der Veränderung der gesellschaftlichen und innerkirchlichen Großwetterlage.

Auf dem Essener Katholikentag von 1968 wurde beschlossen, eine gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland einzuberufen. Die Ergebnisse der Würzburger Synode prägen bis heute die Struktur der deutschen Kirche. Für manchen Bischof und Priester mag die Diskussionsfreudigkeit des Essener Katholikentags zu viel gewesen sein. Vielleicht ist aber ein offen gebliebener Auftrag des Epochenjahrs 1968, die Synodalität in der Kirche neu schätzen zu lernen. Doch Erneuerung der Kirche darf sich nicht auf die Veränderung von Strukturen beschränken. Aktive gesellschaftspolitische Kräfte dürfen ihre spirituellen Wurzeln nicht außer Acht lassen. Einseitigkeiten, wie sie 1968 charakterisieren, sind in Zeiten des Aufbruchs unvermeidbar. Bleibenden Wert haben sie nur, wenn sie wieder in eine Ganzheit hineinführen.

 


23.05.2012
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