Aktuelle Ausgabe
2012-20

Seit zehn Jahren leitet Werner Lauterborn die ökumenische Wohnungslosen-Initiative „GastHaus“

Gelebte Gastfreundschaft

Werner Lauterborn ist seit 1998 Vorsitzender der „GastHaus“-Initiative. Foto: Wiedenhaus

Dortmund. Ein kalter Morgen am Monatsende: In der Nacht hat es geregnet, die Straße ist nass. Auf der gegenüberliegenden Seite wird bereits am „Dortmunder U“ gearbeitet. Auf dieser Seite der Rheinischen Straße liegen die Geschäfte noch im Dunklen. Doch an der Ecke beim Haus Nr. 22 ist schon Betrieb. Dort herrscht großes Gedränge, hauptsächlich Männer, aber auch einige Frauen. Vielsprachige Unterhaltungen, Zigarettenqualm.

von Andreas Wiedenhaus

Innen im Haus Nr. 22 ist Licht, hinter den Scheiben wird emsig gearbeitet. Alles wird beobachtet von denen draußen. Sie haben Hunger, möchten sich wärmen, auf einem Stuhl sitzen – sie alle suchen Gastlichkeit.
Pünktlich um acht öffnet sich die Tür des GastHauses. Die Wartenden drängen herein. Bepackt mit Taschen und Tüten, mit Rucksäcken, auf die häufig noch ein Schlafsack geschnallt ist. Einige haben die Nacht draußen verbracht, auf einem warmen Kellerschacht oder sie sind die ganze Zeit herumgelaufen. Andere haben eine eigene kleine Wohnung oder sie schlafen jede Nacht bei einem anderen Bekannten.
Manche stürmen ohne ein Wort auf einen Stuhl zu, andere werfen den Mitarbeitern einen kurzen Gruß zu, ehe auch sie auf einen freien Platz zusteuern. Ein Stuhl, eine Tasse, die Kaffeekanne, der Korb mit dem Brot. Alle suchen sie das gleiche.
„Hallo, Chef!“ „Grüß dich, Werner!“ „Morgen, Herr Lauterborn!“ Den hageren Mann mit dem grauen Haar und dem Bart, der heute Morgen Servicedienst hat und mit den vorbereiteten Frühstückstellern zu den Tischen balanciert, kennen alle: Seit zehn Jahren ist Werner Lauterborn der „Chef“, leitet er die ökumenische Wohnungslosen-Initiative. Sie ist in ihrer Art einzig in Dortmund. 100 ehrenamtliche Mitarbeiter sind dort aktiv.
Im Sommer 1995 wurde die Gemeinschaft gegründet, am ersten Adventssonntag des Jahres kamen die ersten vier Gäste. Im Dezember 1998 übernahm der heute 65-Jährige den Vorsitz im Verein „GastHaus“ und die Leitung der Arbeit im Haus an der Rheinischen Straße 22.
Unzählige Gäste und Besucher haben seitdem diesen Satz von ihm zur Begrüßung gehört: „Schön, dass Ihr da seid! Schön, dass Sie gekommen sind!“ Doch nie als Floskel oder „einfach so dahergesagt“. Wer Werner Lauterborn kennt, weiß, dass diese Worte zur Begrüßung wirklich von Herzen kommen und dass sie genauso gemeint sind, wie sie gesagt werden.
Es vergeht fast kein Tag, an dem der pensionierte Lehrer nicht im Haus ist oder für die Einrichtung unterwegs ist. Wenn er sich im Herbst an der Mittelmeerküste erholt, verfasst er dort die Weihnachtsgrüße und die Spendenwünsche für die zahlreichen Freunde und Förderer der Initiative. Denn immer begleitet ihn die Sorge, dass genügend Spenden – benötigt werden rund 130000 Euro pro Jahr – die Arbeit des Hauses sichern werden. „Aber bis jetzt ist es noch immer gut gegangen“, sagt Lauterborn optimistisch.
Mittlerweile ist das GastHaus mehr als eine Begegnungsstätte mit gastlichen Räumen. Zum Angebot der Gastfreundschaft gehört neben einem guten Essen die Möglichkeit, sich zu duschen oder seine Wäsche umzutauschen. In den Räumen praktizieren dreimal in der Woche Mediziner und medizinische Hilfskräfte.
Zwei Seelsorger und viele Mitarbeiter stehen den Besuchern mit Rat und Tat zur Seite. Sie besuchen sie im Krankenhaus oder auch einmal im Gefängnis, begleiten sie bei Behördengängen, verwalten manchmal auch ihr Geld und sorgen dafür, dass sie auch bei ihrem letzten Weg zum Friedhof nicht allein sind.


23.05.2012
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