Aktuelle Ausgabe
2012-20

Eine Pfarrei im sächsischen Crimmitschau baut eine neue Kirche

Gemeinde braucht Heimat

Noch krabbeln Käfer und Ameisen über die Grashalme, dazwischen vereinzelte Fluginsekten: Das unbebaute Grundstück in der Pestalozzistraße 41/43 in Crimmitschau ist ganz der Natur überlassen – noch. Denn was derzeit der Lebensraum für winzige Geschöpfe Gottes ist, wird bald Raum für Gottesdienste sein: Die katholische Gemeinde im sächsischen Crimmitschau baut eine neue Kirche.

von Markus Nowak 

„Die neue Kapelle wird der Lebensraum unserer Gemeinde“, sagt Pfarrer Michael Gehrke (46) und deutet auf die Baupläne. Ein schlichtes, quadratisches Gebäude in Holzbinderkonstruktion, 20 mal 20 Meter groß und am höchsten Punkt 6,5 Meter hoch, soll die St.-Franziskus-Kapelle einmal werden. Ein Kirchenneubau kommt in Deutschland nicht oft vor – in Sachsen, wo gerade 3,6 Prozent der Menschen katholisch sind, ist das erst recht eine Ausnahme.

„Die Gemeinde braucht eine Heimat, wo sie Zuhause ist“, sagt Gehrke, der künftig nicht mehr „nur“ Priester, sondern auch Bauherr sein wird. Und als Zuhause für die 1300 Katholiken, die unter 22000 Einwohnern eine Minderheit bilden, wünscht er sich eine rege genutzte Kapelle. Eine Heimat für die kleine Diaspora-Gemeinde, in der der Glaube der Gemeinschaft sinnfällig, die Gemeinschaft gestärkt wird, das möchte auch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken. Es unterstützt deshalb den Bau des neuen Gotteshauses und richtet sich dabei ganz nach seinem Leitspruch zum diesjährigen Diaspora-Sonntag: „Keiner soll alleine glauben“.

Die bisherige Heimat der Crimmitschauer Katholiken steht nur 50 Meter weiter an der Ecke zur Mendelssohn-Bartholdy-Straße: eine kleine Fabrikantenvilla aus rotem Klinker und Fachwerk, ein Wohn-, kein Gotteshaus. „Die Schlichtheit des Glaubens wurde über Jahrzehnte verinnerlicht“, sagt Pfarrer Gehrke mit Blick auf die bisherige St.-Franziskus- Kapelle.

Zwar soll auch das neue Gotteshaus den Plänen zufolge auf prunkvollen sakralen Schmuck außen und innen verzichten, auch wird es weder Turm noch Glocken geben. Dennoch werde das Gebäude von der Straße als Kirchengebäude sichtbar sein, weiß Gehrke. Die vom Eingang zum Altarraum aufsteigende diagonale Firstlinie als auch ein großes Kreuz am Gebäude werden den besonderen Charakter der Konstruktion markieren. „Wir wollen wahrgenommen werden“, erklärt Gehrke.

Oft musste sich der Gemeindepfarrer von heiratswilligen Brautpaaren anhören, sie wollten sich in einer „richtigen“ Kirche trauen lassen und nicht in der ehemaligen Fabrikantenvilla, die seit 1927 das Gotteshaus der Crimmitschauer Katholiken bildet. Zwar fehlt es in dem alten Gottesdienstraum an nichts, was für die Liturgie benötigt wird. Doch ist dieser nur sehr schlicht gestaltet, und an manch einer Stelle fällt der Putz von den Wänden.Diese „ästhetischen Gründe“ waren jedoch nur zweitrangig bei der Entscheidung der Gemeinde und des Bistums Dresden-Meißen für einen Kirchenneubau in der Nachbarschaft. Eine wichtigere Rolle spielten die beengten Verhältnisse, der zunehmend sanierungsbedürftige bauliche Zustand der Gründerzeitvilla und die „grundlegenden Veränderungen der Gemeindestruktur“, wie es heißt.

Die Notwendigkeit eines größeren Gotteshauses bei durchschnittlich 200 Gottesdienstbesuchern und nur 120 Plätzen in der St.-Franziskus-Kapelle war bislang nicht akut: Die Gläubigen verteilten sich auf mehrere Sonntagsmessen. Doch 2011 kam es zu einer Zusammenlegung der Pfarreien von Crimmitschau und Werdau und einem eingeschränkten Gottesdienstangebot.

Die Crimmitschauer wollten aber unbedingt eine Kirche vor Ort haben, freilich eine, die mehr Platz bietet. So denkt auch Gemeindemitglied Dominik Müller (30), der den Neubau als Zeichen sieht, „mit dem wir zeigen, dass hier eine Gemeinde besteht, die lebt“. Enrico Hamori, der seit seiner Kindheit die Gottesdienste in der ehemaligen Fabrikantenvilla besucht hat, freut sich ebenso auf den Neubau, doch mit „einem weinenden Auge, schließlich bin ich quasi hier aufgewachsen“, sagt der 37-Jährige.

Andreas Neumann betont die historische Dimension des Neubaus. Er ist Vorsitzender des Vereins Begegnungsstätte Piusheim, der sich für kulturelle und ethische Impulse in Crimmitschau einsetzt. Das Piusheim ist das bereits bestehende katholische Gemeindezentrum, auf dessen Nachbargrundstück die neue St.-Franziskus-Kapelle errichtet werden soll. „Der Kirchenbau ist ein Großereignis, das nie wieder kommt für die Katholiken hier“, glaubt Neumann.

Als eine großartige Erfahrung bezeichnet Neumann, dass andere Christen in Deutschland „unseren Plan, eine neue Kirche zu bauen“, unterstützen. So hat etwa das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken mit dem Bistum Dresden-Meißen ein Drittel der Baukosten bereitgestellt. Rund 70 Prozent der 600000 Euro Kosten muss die Gemeinde selbst aufbringen. Die Unterstützung zeige, „wir sind nicht allein, sondern Teil des großen Organismus einer Weltkirche“, sagt Pfarrer Gehrke dankbar. 

Eine Weltkirche, deren Mitglieder in Crimmitschau wie in ganz Sachsen in einer Diaspora unter Nichtglaubenden leben. Auch deshalb soll die neue Kapelle ein schlichter Zweckbau werden, damit kein Neid entstehe, erklärt Pfarrer Gehrke. „Wo etwas Neues und Großes gebaut wird, schauen die Menschen hier sehr kritisch hin“, sagt Gehrke aus Erfahrung. „Unser Bau soll aber Akzeptanz finden.“


23.05.2012
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