Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wie in einer Holzbildhauerwerkstatt Krippenfiguren entstehen

Geschnitzte Weihnachtsbotschaft

Text: Andreas Wiedenhaus

Fotos: Harald Oppitz 

Eine ausgetretene Holztreppe führt hinauf in die Werkstatt von Holzbildhauermeisterin Petra Rentrup. Mit einem leisen Knarren öffnet sich die Tür. Wohlige Wärme empfängt den Besucher, es duftet vorweihnachtlich, der Geruch von frischem Holz liegt in der Luft. Petra Rentrup schaut von ihrer Arbeit auf und legt das Werkzeug aus der Hand. Prüfend streicht sie mit den Fingern über den Hals eines Kamels vor ihr auf der Werkbank. Dann greift sie wieder zum Stecheisen, nimmt vorsichtig noch etwas vom Holz ab. „So kurz vor Weihnachten habe ich natürlich Hochkonjunktur“, erklärt die Bildhauerin und pustet ein paar Späne von der Figur. „Krippenfiguren kann ich aber auch im Sommer schnitzen“, fügt die 46-Jährige mit dem braunen Pferdeschwanz und der markanten Brille hinzu und lacht.

 Das Kamel aus hellem Lindenholz ist fast fertig. Auf einem kleinen Tischchen neben der Werkbank warten andere Figuren darauf, farblich lasiert zu werden. Petra Rentrup greift zu einem Pinsel und trägt mit ruhiger Hand transparente Aquarellfarbe auf. So bleibt die Maserung erhalten. Trotz der Farbe ist sofort deutlich, dass es sich um Holzfiguren handelt. „Vor allem Kinder mögen diese Farbgebung“, erzählt die Bildhauerin. Der kniende Hirte erhält eine braune Hose, dazu einen grünen Umhang. Mit einem Lappen tupft Petra Rentrup etwas Farbe von der Grundplatte. Ein letzter prüfender Blick, zufrieden stellt sie den Hirten zurück auf den Tisch.

Der Werkstoff Holz habe sie schon immer fasziniert, erläutert die Bildhauerin, während sie die nächste Figur zur Hand nimmt. Ihr Vater habe als Landwirt die Holzarbeiten auf dem Hof selbst ausgeführt: „Ich habe ihm über die Schulter geschaut und schnell selbst zu Säge und Feile gegriffen.“ So war klar, dass sie nach dem Abitur auf keinen Fall „ins Büro“ wollte. Eigentlich hatte sie sich eine Tischlerausbildung ausgesucht. „Aber als Frau war das Mitte der achtziger Jahre schwierig.“ So wurde es eine Lehre bei einem Bildhauer im benachbarten Langenberg. Nach der Ausbildung schnitzte sie Ornamente für eine Möbelmanufaktur. Weitere Stationen folgten, schließlich legte sie im thüringischen Empfertshausen die Meisterprüfung ab. Seit 1994 ist sie selbstständig. 

Die Werkstatt auf dem elterlichen Bauernhof am Rand des kleinen Ortes St. Vit, einem Ortsteil von Rheda-Wiedenbrück, ist ideal. Vor den Fenstern erstrecken sich weite Wiesen und Felder. Doch für die Naturschönheiten hat Petra Rentrup derzeit kaum einen Blick. Das Auftragsbuch ist voll. Ein Treffen auf einer Baustelle steht für heute auch noch im Terminkalender der Bildhauerin. Bei der Restaurierung eines Fachwerkhauses sind einige Schnitzarbeiten an den Eichenbalken auszuführen. Vielseitigkeit ist Petra Rentrup wichtig. So gehören auch Restaurierungsarbeiten oder das Anfertigen von Grabmalen zu ihrem Repertoire. Manchmal greift sie sogar zur Kettensäge, um die Figuren oder Skulpturen aus einem ganzen Stamm herauszuarbeiten.

Die St. Viterin sieht sich bei ihrer Arbeit in der Folge einer langen Tradition: In Wiedenbrück gab es während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche kunsthandwerkliche Werkstätten. Maler, Bildhauer und Altarbauer bildeten ein regelrechtes Netzwerk. Ihr Kunsthandwerk des Historismus wird heute als „Wiedenbrücker Schule“ bezeichnet. Zahlreiche angesehene Bildhauer gingen aus ihr hervor.

Jetzt aber gehört ihre ganze Aufmerksamkeit dem weihnachtlichen Geschehen in Bethlehem. Die Figuren aus ihrer Werkstatt sind im Vergleich zu manchen süddeutschen Arbeiten eher schlicht, haben aber – nicht zuletzt durch ihre markanten, ausdrucksstarken Gesichter – eine ganz besondere Ausstrahlung. „Gerade bei der Heiligen Familie kommt es mir darauf an, die Freude über die Geburt speziell in Marias Gesicht darzustellen“, beschreibt Petra Rentrup ihren Stil. Dabei hat die Bildhauerin einen ehernen Grundsatz: „Gesichter schnitze ich nie nach 20 Uhr!“ Dann sei das Licht zu schlecht, und die Konzentration lasse nach.

Die meisten Figuren entstehen aus Linde, dem klassischen Holz der Schnitzer und Bildhauer. „Es ist weich und verzieht sich im trockenen Zustand nicht“, erklärt die St. Viterin. Doch es werden auch Figuren aus Eiche geschnitzt – eine westfälische Besonderheit: „Dieses wesentlich härtere Holz lässt sich nicht so leicht bearbeiten, dafür ist die Maserung besonders schön.“ Bevor Petra Rentrup eine neue Figur in ihr Sortiment aufnimmt, formt sie einen ersten Rohling aus Ton. Wenn Körperhaltung und Proportionen stimmen, dient der Tonrohling als Vorlage für ein erstes Exemplar aus Holz. Alle ihre Figuren sind „handgeschnitzt“, betont die 46-Jährige. „Holzgeschnitzte“  Figuren dagegen entstehen rein maschinell auf computergesteuerten Fräsen. Ganz ohne Maschinen geht es aber auch in der kleinen Werkstatt von Petra Rentrup nicht: Mit der Bandsäge wird die Form grob vorgeschnitten, ehe die eigentliche Handwerksarbeit beginnt. „Eine Figur komplett aus dem Holzblock herauszuschlagen, dauert natürlich viel länger, und das würde sich entsprechend auf den Preis auswirken“, erklärt die Bildhauerin.

So bleibt jedes Exemplar ein handwerkliches Unikat – Ähnlichkeit allerdings ist beabsichtigt: „Viele Kunden sammeln die Figuren über einen langen Zeitraum und möchten, dass sie zueinander passen.“ Schließlich haben die Arbeiten ihren Preis. Kein Wunder, stecken doch schon in einem Schaf rund drei Stunden Arbeit. Das summiert sich bei einem kompletten Figurenensemble schnell zu einer ansehnlichen Summe. „Viele kaufen in jedem Jahr etwas dazu.“ Oft wachse in diesem Zeitraum auch die Familie der Kunden, freut sich die Künstlerin: „Manche, die das erste Mal als Paar in der Werkstatt sind, kommen später mit ihren Kindern wieder.“ Diese Sammler bleiben treu.

So wie Hildegard Klaas. Sie ist heute von Recklinghausen nach St. Vit gefahren. Vor vier Jahren hat sie die ersten Figuren gekauft. Durch einen Fernsehbeitrag vom Christkindlmarkt in Wiedenbrück war sie auf die Bildhauerin aufmerksam geworden: „Ich war sofort von ihrem Stil begeistert!“ Kurzentschlossen machte sie sich damals auf den Weg und suchte die Krippenschnitzerin auf dem Wiedenbrücker Weihnachtsmarkt. Allerdings vergeblich. „Ich hatte gar keinen Stand, sondern war nur für den Fernsehbericht dort“, erinnert sich Petra Rentrup. Hildegard Klaas gab nicht auf, fragte sich durch und fand schließlich den Weg zur Werkstatt. Seitdem ist sie einige Male hier gewesen. Heute holt sie ihre Heiligen Drei Könige ab. „Wunderschön“, freut sich die Kundin, als sie die fertigen Figuren vorsichtig zum ersten Mal in die Hand nimmt. „Schöne Weihnachten und bis zum nächsten Jahr“, verabschiedet sie sich. Dass sie wiederkommen wird, steht für Hildegard Klaas fest: „Das Kamel bekomme ich auf jeden Fall noch!“

Petra Rentrup greift wieder zu Holzhammer und Stechbeitel. Es ist noch viel zu tun. Im Januar wird sich die Bildhauerin dann ein wenig Ruhe gönnen. Lange dauern wird es aber wohl nicht, bis sie wieder zu ihrem Werkzeug greift – schließlich haben Krippenfiguren bei ihr immer Konjunktur.


23.05.2012
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