Aktuelle Ausgabe
2012-20

Auf dem Berg Tabor betreuen ehemalige Drogensüchtige die Pilger

Göttliches Antlitz wiederfinden

Arbeiten im Garten des Klosters auf dem Berg Tabor. Dort helfen ehemalige Drogenabhängige den Franziskanern bei der Betreuung der Pilger. Foto: kna

Tabor/Galiläa. Bruno tritt aus der Küche hinaus in den Gemüsegarten. Unterhalb des kegelartigen Berges Tabor breitet sich die Hügellandschaft von Galiläa aus. Der 53-jährige Italiener atmet tief durch, während er sich an einer Reihe von Salatköpfen zu schaffen macht: „Ich bin hier so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben.“ Bruno gehört zu jenen mehreren Hundert Alkohol- und Drogenabhängigen, die derzeit in Häusern der Gemeinschaft „mondo x“ Wege aus ihrer Sucht suchen. Beim Heiligtum der Verklärung Jesu unterstützen zehn von ihnen die kleine Franziskanergemeinschaft beim Empfang und der Bewirtung der Pilger.

von Gaby Fröhlich (kna)

„mondo X“ das heißt übersetzt „Welt x“. „Das x steht für die große Unbekannte im Leben eines jeden Menschen“, erklärt Franziskanerpater Eligio Gelmini, der gerade zu Besuch bei seinen Schützlingen in Israel ist. Der 77-jährige Gründer der Gemeinschaft hat in den vergangenen 40 Jahren zehntausende junger Männer und Frauen bei ihrem Kampf gegen die Sucht begleitet, die meisten davon in Italien. Das Haus auf dem Berg Tabor ist eine der neuesten Gründungen.
Dass die Franziskanerkustodie im Heiligen Land ausgerechnet eine Gemeinschaft von ehemaligen Drogenabhängigen um Hilfe bei der Pilgerbetreuung gebeten hat, ist kein Zufall: „mondo x“ hat nicht nur eine franziskanische Prägung, sondern hat sich auch in der Toskana mit dem Luxusrestaurant „Frateria di Padre Eligio“ einen Namen unter Gourmets gemacht. Auch auf dem Tabor gehört Sorgfalt zum eisernen Prinzip: Engagiertes Arbeiten soll den Suchtkranken genauso wie ein enges Gemeinschaftsleben und der regelmäßige Gebetsrhythmus helfen, wieder festen Tritt im Leben zu finden. Die Aussteiger sind dabei unter sich: Wer schon sicherer steht, übernimmt immer mehr Verantwortung für Haus und Neuankömmlinge.
Adriano (54) hat nach acht Jahren Gemeinschaftsleben in Italien vor zwei Jahren die Leitung der neuen Gruppe auf dem Tabor übernommen. Er unterstreicht, dass der religiöse Aspekt in „mondo x“ ein Angebot sei, keine Pflicht. Auch wenn der einstige Alkoholiker persönlich davon überzeugt ist, dass „die rufende Stimme im Herzen des Menschen“ Gott selber sei, und die Quelle für ein erfülltes Leben das Gebet. Ähnlich denkt auch Michele (33), der sich als „geboren, gestorben und auferstanden“ beschreibt: Die Droge zerstöre als erstes den „spirituellen Menschen“. Dass er den wiedergefunden habe, sei sein größter Schatz.
Der Weg in die innere Freiheit führt bei „mondo x“ über die treue Bewältigung des Alltags. Tagsüber hat die Gruppe auf dem Tabor alle Hände voll zu tun: Hunderte von Pilgern besuchen täglich das Heiligtum, kaufen in dem kleinen, von „mondo x“ betreuten Andenkenladen ein. Bis zu 50 Personen können im Gästehaus übernachten, bis zu 170 beim Essen bewirtet werden, nach Voranmeldung. Touristen würden nicht aufgenommen, betont Adriano, nur Pilger. Zumeist seien es Exerzitiengruppen, die nach Schließung der Tore am Abend „richtig in den Genuss des Heiligtums“ kämen.
Die therapeutische Gemeinschaft auf dem Tabor ist eine Idee von Kustos Pierbattista Pizzaballa selbst: Der oberste Franziskaner im Heiligen Land hatte die von seinem Mitbruder gegründeten „mondo x“-Häuser schon als Novize in Italien schätzen gelernt. Während andere soziale Aktivitäten wie Waisenhäuser heute oft überholt seien, so Pizzaballa, stelle die grassierende Drogensucht die Kirche auch im Heiligen Land vor neue Herausforderungen. Er hofft, dass neben der italienischen Gruppe auf dem Tabor bald eine arabischsprachige Gemeinschaft von Einheimischen im biblischen Emmaus entstehen kann. So sind bereits vier junge Betroffene aus der Region nach Italien geschickt worden, um dort ihre Probleme anzugehen und das Prinzip von „mondo x“ kennenzulernen.
Allerdings sei der Weg für die europäische Gemeinschaft in die fremde arabische Kultur schwieriger als ursprünglich gedacht, so der Kustos. Er ist jedoch davon überzeugt, dass die Heiligen Stätten ein idealer Platz für das ungewöhnliche Projekt sind: So wie in Emmaus die beiden entmutigten, ratlosen Jünger im Auferstandenen einen neuen Anhaltspunkt für ihr Leben gefunden hätten, so stehe der Tabor für das göttliche Antlitz, das in jedem noch so zerstörten Menschen aufleuchte. Adriano selbst ist inzwischen vom Tabor heruntergestiegen, „in die Freiheit entlassen“. Er hat dort das Gefühl für seine gottgeschenkte Würde endgültig wiedergefunden.


23.05.2012
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