Gedanken zur ersten Lesung
Gott lässt uns die Freiheit
Einen kleinen Teil einer beschwörenden Abschiedsrede bietet uns die erste Lesung. Josua, Moses Nachfolger, war „alt und betagt geworden“, als er „ganz Israel, seine Ältesten und Häupter, seine Richter und Listenführer“ zusammenrief (Jos 23,1-2).
von Klaus Fussy
Wie Mose war er im Auftrag Gottes dem Volke kraftvoll vorangegangen, um es in das Land zu führen, in dem Milch und Honig fließen.
In dieser Rede erinnert Gott selbst sein Volk an alle Heilstaten, die er in dieser Befreiungsgeschichte gewirkt hat und schwört Israel darauf ein, seine Treue zu ihm zu erwidern. Und dennoch wird ihm jegliche freie Entscheidung gelassen, auch wenn sie gegen Jahwe und für andere Götter ausfällt. Ein erstaunlicher Vorgang, wie ich meine.
Aber das gehört zu diesem Gott, der den Menschen als freien Menschen erschaffen hat. Gott besitzt die Souveränität, auch loszulassen.
Auch bei Jesus finden wir sie wieder: „Wollt auch ihr weggehen?“, fragt er die Zwölf, als viele sich abgekehrt hatten, die seine Rede unerträglich fanden.
Sowohl das Volk Israel, – sich erinnernd an den Exodus aus Ägypten – als auch die Apostel bleiben: „Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“.
Und wir – heute?
In dieser Zeit zu glauben ist nicht einfach. Viele neue Götter und Götzen blinken von allen Seiten und machen auf sich aufmerksam. Sie scheinen näher dran zu sein an unserer Wirklichkeit und versuchen uns in den nächsten Einkaufstempel zu locken. Ihre Werbung weiß schon, was uns glücklich macht. Selbst tiefe Lebenssehnsüchte des Menschen nach Geborgenheit und Heil-Sein, nach Freiheit und nach Sinn werden hier selbst in finanziellen Krisenzeiten geschickt wachgerufen und genutzt.
Nicht, dass wir uns nicht freuen sollen an schönen Dingen, die wir kaufen können! Das Götzenhafte fängt da an, wo es vorgibt, Sinn zu stiften und Ein und Alles zu sein. Nein, es ist noch nicht das „Brot des Lebens“. Es gibt noch ein „Mehr“, ein „Darüber-Hinaus“.
Das zu ertasten, zu erspüren, ja gar zu finden, ist häufig ungleich schwerer. Es liegt oft nicht vor unserer Haustür.
Das macht es aus, dass das Volk Israel immer in der Versuchung stand, fremden Göttern zu dienen, sich zurückzusehnen nach den Fleischtöpfen Ägyptens oder um das goldene Kalb zu tanzen.
Das macht es aus, dass selbst die Jünger Jesu seine Rede nicht aushalten konnten und lieber weggingen.
In einem Interview sagt Abt Benedikt Lindemann, Vorsteher des Klosters auf dem Zion in Jerusalem:
„Mönch zu werden geht nicht schnell. ,Hepp, ich hab’s erreicht‘ – wehe dem, der das sagt.“
Das lässt sich sicher auch erweitern: „Christ zu werden geht nicht schnell“. Ich hab’s erreicht, wer kann das sagen?
Abt Benedikt sagt aber auch: „Ich kann den Sinn des Lebens nur durch den Glauben erkennen. Wenn es Gott nicht gäbe – dann wäre doch alles ,puff und weg!‘“.
„Herr, zu wem sollen wir gehen, du hast Worte ewigen Lebens.“
Was aber ist dann der Glaube? Nicht ein Auswendig-Lernen von Formeln.
„Wenn es Gott nicht gäbe“ – die Israeliten erinnerten sich an die Befreiung durch diesen Gott aus dem ägyptischen Sklavenhaus. Hierin erwies sich Gottes liebende Leidenschaft.
Sie lässt sich ebenso erahnen in den „Worten ewigen Lebens“. Gott liebt uns leidenschaftlich über den Tag hinaus bis in seine Ewigkeit. Er will uns als glückliche Menschen sehen.
Dem zu vertrauen, heißt glauben. Dazu lockt er uns, aber er lässt uns die Freiheit.







