Aktuelle Ausgabe
2012-20

„Gott wohnt in ihrer Mitte“ lautet das Schwerpunktthema der aktuellen Adveniat-Kampagne – Weihbischof Franz Grave aus Essen über die Pastoral in den lateinamerikanischen Großstädten

„Gott lebt auch in den Mega-Metropolen der Welt“

Franz Grave wurde 1932 in Essen geboren, die Priesterweihe empfing er 1959. 1988 wurde er zum Weihbischof in der Diözese Essen ernannt. Nach dem Tod von Kardinal Franz Hengsbach übernahm Grave 1991 die kommissarische Leitung von Adveniat, 1992 wurde ihm der Vorsitz fest übertragen. 1999 wurde er Mitglied der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika. Seit diesem Jahr ist er emeritiert.

Die Großstadtpastoral in den Metropolen Lateinamerikas steht im Mittelpunkt der diesjährigen Kampagne des bischöflichen Hilfswerkes Adveniat. Der langjährige Adveniat-Vorsitzende Weihbischof Franz Grave schildert seine Eindrücke von einer Reise in das brasilianische Sao Paulo und seine Begegnungen mit Mitarbeitern in der dortigen Pastoral. Dabei werden durchaus Parallelen zur Großstadtpastoral in Deutschland offenbar. Schon bei der Vorstellung der aktuellen Adveniat-Kampagne hatte Grave auf diese Zusammenhänge hingewiesen.

von Weihbischof Franz Grave

„Stadtluft macht frei“, so haben Verwandte geworben und uns als Kinder zu sich in die Großstadt eingeladen. Wer mit Landerfahrung eine Reise in die Stadt antrat, hatte oft wundersame Vorstellungen von der Stadt im Kopf: Städte waren immer schon groß, bevölkerungsreich, verkehrsintensiv, unübersichtlich etc.
Von meinem Besuch vor vier Wochen in Brasilien habe ich eine gegenteilige Stadt-Bewertung in Erinnerung. Eine Mitarbeiterin der Großstadtpastoral in Sao Paulo brachte während einer Autofahrt durch den frühmorgendlichen Stau fast stöhnend zum Ausdruck: „Diese Großstadt macht die Menschen krank.“ Und im weiteren Gespräch erfuhr ich einige durchaus beängstigende Fakten lateinamerikanischer Großstadt-Wirklichkeit. Rund sechs Millionen Autos sorgten täglich für mehr als 150 km Stau. Terminvereinbarungen am Morgen und Abend könnten selten pünktlich eingelöst werden, es sei denn man rechnet von vornherein großzügig Stauzeiten ein. „Wir von der Großstadtpastoral verbringen die meiste Zeit des Tages auf der Straße“, so meine Gesprächspartnerin. Aber die Liste der Umweltprobleme in der Großstadt Sao Paulo ist noch viel länger: Luftverschmutzung, Gewässerbelastung, Lärmbelästigung durch den Verkehr sowie Entsorgungsprobleme bei Müll und Wasser. Die Metropole Sao Paulo produziert täglich 14000 Tonnen Abfall, wodurch das Fassungsvermögen der Deponien seine Grenzen längst überschritten hat.
Ein weiteres Problem ist die Verschmutzung des Wassers durch industrielle und häusliche Abwasser. Das hat dazu geführt, dass viele Flüsse im Stadtgebiet biologisch tot und zu reinen Abwässerkanälen geworden sind. Die Wohnsituation kann nicht gegensätzlicher sein: Einerseits gewaltige Hochhäuser mit bis zu 40 und sogar 50 Stockwerken, andererseits Wellblechhütten, die trostlos und verlassen im Schatten dieser „Wolkenkratzer“ liegen. Auch Villen hinter hohen Mauern mit Swimmingpool und ausgedehnter Liegewiese und Golfplatz wenige Meter weiter. Zerfallene Ruinen als Zufluchtsort für Familien, die vor kurzem als Campesinos angekommen sind, um in der Metropole eine menschenwürdigere Existenz aufzubauen. Aber die Aussichten sind nicht gut! Die Städte Lateinamerikas sind vielfach übervölkert, ökologisch sehr belastet und vor allem von architektonischen Konzepten bestimmt, wo das Große, das Voluminöse das Stadtbild bestimmt und das Kleine, Einfache und Bescheidene erdrückt. Was kann die Kirche in diesen Mega-Metropolen tun? In vielen Gesprächen habe ich mit Bewunderung feststellen können, dass viele Gruppen, Gemeinden und Pfarreien nicht die Konkurrenz mit dem Großen und Monumentalen suchen. So sind die zum Teil mit Mitteln von Adveniat gebauten Kirchen und Kapellen klein, bescheiden, manchmal sogar ärmlich. Die Kirchen fallen oft nicht auf, sie passen sich im baulichen Erscheinungsbild der sozialen Situation vieler Menschen an. Aber das personale „Potenzial“ ist unvergleichlich kräftiger und dynamischer als Beton, Glas und Ausmaße! Und das macht den Besucher nachdenklich: Das Gleichnis vom Senfkorn (Mk 4, 30 – 34) prägt und bestimmt die missionarische Einstellung und Haltung der Gemeinden. Sie lassen sich nicht zwischen Wolkenkratzern, Stadtautobahnen, Fußballstadien aufreiben oder verdrängen. Die „Senfkorn-Spiritualität“ ist fester, tragfähiger und von einer großen Zukunftserwartung. Wie das unscheinbare, kleine Senfkorn fast verschwindet, aber doch Kraft in sich birgt, so ist es mit dem Reich Gottes in dieser Zeit. Das Reich ist da, nichts kann das kleine Senfkorn im Wachstum hindern, es hat die Kraft zum großen Durchbruch! Von dieser Spiritualität sind die Christinnen und Christen dort zutiefst durchdrungen. Die kleinen Zeichen des Glaubens und der tätigen Liebe sind für sie die Sicherheit, dass Gott auch mitten in der Großstadt lebt.


23.05.2012
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