Gedanken zum Evangelium
Gott selbst betet in uns
An das Jesus- oder Herzensgebet, das innere Beten der orthodoxen Tradition, erinnert Diakon Diether Wegener, hauptberuflicher Seelsorger im Pastoralverbund Detmold, die Lesung aus dem Philipperbrief. Dort heißt es, der Christ solle ohne Sorgen sein und einfach beten.
Von Diether Wegener
Ich lese die ersten Sätze der zweiten Lesung und denke an ein Buch, das ich kürzlich in der Hand hatte: „Franny und Zooey“. Der amerikanische Schriftsteller J. D. Salinger hat es in den 50er-Jahren geschrieben. Die Studentin Franny steckt in einer Krise und wird von einer Art Daseinsekel heimgesucht. Sie leidet unter Oberflächlichkeit und krankhafter Ichbezogenheit – der eigenen, vor allem aber der ihrer Umwelt. In dieser Krise stößt sie auf ein Buch mit dem Titel „Die aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“. Das Buch aus dem 19. Jahrhundert handelt von einem anonymen russischen Bauern, der herausfinden wollte, wie er die biblische Aufforderung „Betet ohne Unterlass!“ verwirklichen könnte. Er begegnet einem Starzen, einem erfahrenen Seelenführer, und wird von diesem in das Geheimnis des Jesusgebetes eingeweiht. Das Gebet besteht in der fortwährenden Wiederholung des Satzes „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Wenn man diesen Satz ständig spricht, erst mit den Lippen, allmählich immer verinnerlichter, so der Starez, dann passiere nach einiger Zeit eine Verwandlung: Die Worte des Gebets synchronisierten sich mit dem Herzschlag und dem Atem des Betenden und es beginne in ihm von selbst „ohne Unterlass“ zu beten. – Die Studentin ist fasziniert.
Für Abt Emmanuel Jungclaussen aus Niederalteich, dem Herausgeber der deutschen Ausgabe des „russischen Pilgers“, ist Frannys Suche bezeichnend für die westliche Welt der letzten 50 Jahre. Immer mehr Menschen sehnen sich nach eigener geistlicher Erfahrung.
Nach biblischer Lehre ist Beten inniger und vertrauter Umgang mit Gott. Beten ist kein Werk des Menschen, sondern die Erfahrung, dass Gott selbst in unserem Inneren wohnt und betet, weit über unsere Worte hinaus. Beten ist mehr als ein Reden mit Gott oder zu Gott, es bedeutet in Gott zu sein und in ihm zu ruhen. Kann man das lernen?
Wenn Gott ewige Gegenwart ist (sein hebräischer Name bedeutet „Ich bin da“), dann können wir ihm nur begegnen, wenn wir selbst „da sind“. Tiefes Gebet ist nur möglich, wenn wir einen Weg aus der Zerstreuung in die Sammlung finden.
Die Wurzeln des Jesusgebetes reichen bis in die Frühzeit des Christentums zurück, in jene Tage der ersten Wüstenmönche (3./4. Jahrhundert). Zahllose Männer und Frauen verließen nach dem Ende der Christenverfolgung die Städte, um in der Einsamkeit der ägyptischen Wüste Gott zu suchen und in ihm zu ruhen. Der Wüstenvater Evagrius Pontikus, gestorben 399, entwickelte als erster die Lehre vom „reinen Gebet“. Er meint damit ein Beten ohne Gedanken, Bilder und Vorstellungen, ähnlich der Zen-Meditation. Fast gleichzeitig betonte der Mönch Makarios die Sammlung der Aufmerksamkeit im eigenen Herzen. Die ständige Wiederholung von Stoßgebeten („Gott, sei mir Sünder gnädig!“, „Mein Herr und mein Gott!“) sollte helfen, die Aufmerksamkeit auf Gott zu lenken. Schließlich setzte sich ab dem 6. Jahrhundert als Formulierung der Ruf des blinden Bartimäus (Mk 10,47) durch: „Herr Jesus Christus, [Sohn des lebendigen Gottes,] erbarme dich meiner!“ So entstand, was seit dem 13. Jahrhundert in der Ostkirche als „Jesusgebet“, „Herzensgebet“ oder „Ruhegebet“ gelehrt und praktiziert wird. Im Westen entdeckte man dieses Gebet erst im 20. Jahrhundert durch die „Erzählungen des russischen Pilgers“. Die Grundeinsicht dieser Gebetsweise besagt: Gott ist immer da. Ich kann da sein in ihm. Meine Sorgen, Gedanken, Erinnerungen und Pläne können dann zur Ruhe kommen.







