Zum Erntedank rupfen bei den Niedersorben junge Reiter Federvieh
Griff nach dem Gockelkopf im vollen Galopp
Aus dem Aberglauben an übernatürliche Kräfte des Hahns hat sich in der Region um Cottbus über Jahrhunderte eine Erntedanktradition entwickelt, die nicht nur für die sorbische Minderheit, sondern auch für die deutsche Mehrheitsbevölkerung zu einem Höhepunkt im dörflichen Kalender wurde. „Lapanje kokota“ (Hahnrupfen) heißt dieser sorbische Brauch, der immer im Spätsommer nach dem Einbringen der Getreideernte in den Dörfern der Niederlausitz gepflegt wird.
von Markus Nowak
Der Anblick ist nichts für Menschen mit schwachem Gemüt: Ein toter Hahn hängt leblos in drei Metern Höhe; Kopf und Flügel baumeln im Wind. Kopf und Glieder des Federviehs warten darauf, von jungen Reitern abgerissen zu werden – und das in guter Absicht: Das soll für einen guten Ernteertrag im nächsten Jahr sorgen. „Lapanje kokota“ (Hahnrupfen) heißt das sorbische Brauchtum, das immer im Spätsommer nach dem Einbringen der Getreideernte in den Dörfern der Niederlausitz gepflegt wird.
„Die meisten sorbischen Bräuche und ihre Ursprünge stammen noch vom Glauben an Naturgötter“, sagt Helmut Matick, Jugendkoordinator der Domowina, dem Dachverband der sorbischen Vereine. Die Sorben hätten früher dem Hahn die Fähigkeit zugeschrieben, die Ernte zu beeinflussen, erklärt der 55-Jährige weiter. Auch heutzutage komme es schon einmal zu Ernteausfällen, wenn kein Getreide eingefahren werden könne. Früher sei aber das ganze Dorf von einem guten Ertrag existenziell abhängig gewesen und davon, „ob es gut über den Winter kommt“.
Aus dem Aberglauben an die übernatürlichen Kräfte des „Kokots“, also des Hahns, hat sich in der Region um Cottbus über die Jahrhunderte eine Erntedanktradition entwickelt, die nicht nur für die sorbische Minderheit, sondern auch für die deutsche Mehrheitsbevölkerung zu einem Höhepunkt im dörflichen Kalender wurde. Die gesamte Dorfjugend fiebert heutzutage mit, wer als Erster den Kopf des Gockels abreißt und damit der „Kral“, der Erntekönig, wird.
Der „Kokot“-Tag beginnt am frühen Samstagmorgen. Dann setzen sich die jungen Männer auf ihre Pferde und reiten in einer Formation siegesgewiss durch das Dorf zum Festplatz. Begleitet werden sie von Mädchen in sorbischer Festtagstracht und deren sorbischem oder heutzutage auch deutschem Gesang. Mit von der Partie ist auch das tote Federvieh. An einer Leiter hängend wird es wie eine Trophäe durch das Dorf getragen.
Am Festplatz wird der Hahn an einer mit Eichenblättern geschmückten Ehrenpforte befestigt, und der Wettkampf kann beginnen: Die Burschen durchreiten nacheinander die Pforte und versuchen, dem Gockel den Kopf abzureißen. Wem das gelingt, der wird als erster König geehrt.
Die weiteren Könige sind diejenigen, die die Flügel herausrupfen. Eine Angelegenheit, für die die jungen Reiter sattelfest und entschlossen sein müssen. Nicht selten stellen sich die Jungs in die Steigbügel, um näher an die begehrten Trophäen zu kommen. Können sie nach dem Kopf greifen, rutscht er ihnen oft wieder aus den Händen, weiß der 25-jährige Markus Schwäler aus Tauer: „Fühlt sich glitschig an, wenn man ihn anfasst“.
Aber auch die Mädchen, die das Geschehen mit Gesang und Tanz mitverfolgen, sind nicht zimperlich beim Anblick des grausig anmutenden Brauchtums. Der Gedanke dahinter sei schließlich einer guten Idee entsprungen, erklärt Katharina Solt (20) aus Tauer: „Man reißt den Kopf ja mit der Hoffnung ab, dass sich das Blut über die Felder verteilt und dann das Feld für die kommende Ernte befruchtet.“
Die Ernte und die Landwirtschaft als solche spielten für die Sorben in den vergangenen Jahrhunderten nicht nur die Rolle des Broterwerbs. Sie stehen auch für ihr Selbstverständnis als slawischstämmige Sorben. Diese siedelten sich seit dem frühen Mittelalter in den beiden Lausitzen an. Da der Spreewald sehr fruchtbar war, zogen sie nur selten in die Städte und blieben auf dem Land weitgehend unter sich. So konnten sie ihre sorbische Identität bewahren und diese „slawische Insel“ mitten in Deutschland halten.
Heute bilden die Sorben mit 60000 Mitgliedern Deutschlands einzige slawische Minderheit. Die meisten von ihnen sind Obersorben, leben in der sächsischen Oberlausitz, die weitgehend katholisch ist. Auch das Osterreiten hat hier eine große Tradition. Bei den rund 20000 traditionell evangelischen Niedersorben im brandenburgischen Teil der Lausitz wird dagegen das Brauchtum des „kokot“ im Spätsommer gepflegt. Und das, obwohl nur noch die Minderheit der Reiter und Trachtenträger sorbischstämmig ist.
„Wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken: Es gibt viele Zuzügler, die mitmachen, da ihnen die Bräuche gefallen“, beobachtet Matik. Um „Erntekönig“ zu werden, muss man deshalb kein Sorbisch sprechen; vielmehr bedarf es Geschick, Ausdauer und auch eines ruhigen Rosses. Früher waren die Pferde meist Arbeitstiere und damit Kaltblüter. „Sie waren weder feurig noch temperamentvoll wie die Pferde heute. Die waren auch von der ganzen Erntesaison geschafft, sie waren nicht so schnell“, weiß Matik.
Heutzutage werden meist temperamentvollere Dressurpferde von Reiterhöfen für das Turnier angemietet. Nicht selten nehmen die Jugendlichen zuvor Reitstunden, etwa bei der 41-jährigen Kerstin Lies, die das Rupfen des Hahns beobachtet. Sollte eines ihrer Pferde unter den jungen Reitern nervös werden, greift sie auch ein: „Die Musikkapelle und der Ritt durch die Pforte sind Stress für Pferde.“ Zudem dauern die Turniere oft Stunden, da das erfolgreiche Greifen nach dem Gockelkopf im Galopp durchaus mehrere Dutzend Anläufe benötigt.
Sind die Könige dann ermittelt, werden ihnen Kränze aus Eichenlaub umgehängt, und sie müssen die Augen schließen. Um sie herum tanzen die jungen Frauen im Kreis (wie im Foto links). Jeder König sucht sich nun blind eine Partnerin heraus, um mit ihr zu tanzen. Nach dem Siegestanz ziehen die jungen Männer mit den Mädchen in einer kleinen Parade durch ihr Dorf – in der frohen Gewissheit, dass es auch im kommenden Jahr wieder eine gute Ernte geben wird.







