Aktuelle Ausgabe
2012-20

In der Schweiz können Urlauber auf Bergalmen mit anpacken – auf Vermittlung der Caritas

„Hier hat es Berge – und stets Arbeit“

Der etwas andere Ferienjob für hartgesottene Stadtmenschen: In der Schweiz können körperlich fitte Freiwillige während der Urlaubszeit ihre Arbeitskraft unentgeltlich Bergbauern zur Verfügung stellen. Im Gegenzug erhalten sie Kost und Logis sowie vielfältige Einsichten in das Leben auf den Almen – spektakuläre Ausblicke mit inbegriffen. Die Initiative der Schweizer Caritas hat sich nicht nur unter Alpenfreunden längst herumgesprochen.

Von Volker Hasenauer (Text) und Katharina Ebel (Fotos) 

Gewaschen wird sich am Holzbrunnen vor der hundert Jahre alten, rau gezimmerten Almhütte. Morgens um sechs, wenn wegen der Kuhglocken nicht mehr an Schlaf zu denken ist. „Im Fernsehen sieht das Leben auf der Alm immer so romantisch aus“, sagt Monika Frank. Die Wirklichkeit ist härter. Am ersten Abend nach ihrer Ankunft auf der Brustalp, in einem idyllischen Tal hoch überm Sarner See nahe Luzern, wollte die 45-Jährige ihren Alm-Einsatz abbrechen. Aber sie ist geblieben, genauso wie sechs weitere freiwillige Almhelfer – und hat es nicht bereut.

Die von der Schweizer Caritas vermittelten Almhelfer nehmen Bergbauer Niklaus Gasser nun eine Woche lang Arbeiten ab, die der drahtige Schweizer alleine nie schaffen würde: Weidezäune abbauen, Steine von der Weide entfernen, Büsche in steilstem Gelände zurückschneiden, damit die Heidi-Film-reifen Bergkühe genügend Gras finden.

Schon seit mehreren Jahren läuft das besondere Hilfsangebot für Bergbauernfamilien, die sich keine bezahlten Helfer leisten können. Für eine oder mehrere Wochen werden Freiwillige unentgeltlich vermittelt, die ihren Job in der Stadt mit dem Ackern auf der Alm vertauschen. Grandiose Aussicht, frische Bergluft, einfaches Leben und erschöpfter Schlaf nach getanem Tagwerk inklusive.

„Die Lage für uns Bergbauern wird immer schwieriger“, erzählt Senner Niklaus. Schon sein Großvater bewirtschaftete eine Hochalm. Und auch für Niklaus stand fest, dass er nach dem frühen Tod seines Vaters die Tradition im Kleinen Melchtal auf 1600 Metern Höhe weiterführen wollte. „Aber meine Kinder werden wohl kaum weitermachen. Es ist einfach zu viel Arbeit für zu wenig Geld. Aber wir leben sparsam und sind glücklich.“ Seit mehreren Jahren erhält Niklaus mehrmals pro Jahr Freiwilligen-Unterstützung. 1200 Helfer vermittelt die Caritas pro Jahr in der ganzen Eidgenossenschaft. Und der Anteil der Deutschen steigt. Schon machen sie die Hälfte der Einzelfreiwilligen aus. In der Gruppe von Monika Frank ist sogar nur eine Schweizerin dabei.

Karl, ein rüstiger 74-jähriger Rentner aus Köln ist so etwas wie der Alm-Öhi der Gruppe. Unermüdlich rackert er sich an den wuchernden Büschen auf den Weiden-Steilhängen ab. Eine große Astschere mit Holzgriffen in der Hand. Er gibt den anderen Tipps, die Sträucher möglichst tief abzuschneiden, weil sie sonst zu schnell nachwachsen. Manchmal ist das Gelände so schwierig, dass er kaum stehen kann. „Ich bin das gewohnt, ich habe immer viele Bergtouren gemacht. Wer sich nicht fit hält, stirbt früher“, kommentiert er lapidar. Karl ist bereits zum zweiten Mal im Almeinsatz. Er findet, dass man als rüstiger Rentner auch mal was Gutes für andere tun müsse.

Rabea Schmidt, Abiturientin aus Straubing, macht eine kurze Pause und schaut über den schon freigeschnittenen Hang ins Tal. Die Sonne liegt auf den Matten. Blauer Himmel, angenehmer Wind. „Nach ein paar Tagen hier oben weiß ich die Arbeit von Bauern ganz anders zu schätzen. Irgendwie ungerecht, wenn ich dran denke, was Manager oder Banker so verdienen.“ Nach dem Abi will Rabea ein freiwilliges soziales Jahr oder etwas Ähnliches machen.

Die Motivationen der Helfer auf der Alm sind unterschiedlich. Rentner wie Karl engagieren sich, suchen Abwechslung, Alpenbegeisterte kommen wegen der Natur, Schweizer wollen ihre Landsleute unterstützen. Und junge Leute wie Rabea suchen eine soziale Aufgabe. Doch ungeachtet der vielen Helfer ist die Schweizer Tradition, die Kühe im Sommer auf Hochalmen weiden zu lassen, in Gefahr.

Viele Bergbauern geben derzeit ihre Betriebe auf; wer überleben will, muss seine Viehbestände und Flächen erweitern, was aber noch mehr Arbeit und nicht zwangsläufig steigende Erträge bedeutet. Ein Teufelskreislauf, auch wenn der Staat noch immer kräftig Subventionen zahlt. Ohne Almwirtschaft allerdings würden die Alpen anders aussehen: Nur wo regelmäßig Vieh weidet, ist das Verbuschen und Verwalden aufzuhalten.

„Bei uns in der Schweiz hat es viele Berge – und viel Arbeit“, sagt Martin Tschümperlin von der Caritas. Viele Bauern kämen in den arbeitsintensiven Höhenlagen einfach nicht mehr über die Runden. Deshalb sei die Idee der Freiwilligen-Projekte entstanden. Nur wer nachweisen kann, dass er sich keine regulären Hilfskräfte leisten kann, wird ins Projekt aufgenommen. Schweizweit sind das rund 250 Bauernfamilien. Unbürokratische und konkrete Hilfen für die Bauern ist das Ziel des Projekts.

Ein Zweites ist, dass Tschümperlin auch straffällig gewordene Jugendliche oder Kinder aus Problemfamilien oder psychiatrischen Kliniken an speziell ausgebildete Familien vermittelt. „Die lernen dort durch einen regelmäßigen Tagesablauf mit harter Arbeit ihr Leben wieder zu strukturieren. Manchmal kommen auch Jugendliche, die wegen einer Straftat auf der Alm ihren Sozialdienst ableisten.“

Die meisten der Alm-Zeitarbeiter entscheiden sich aber freiwillig fürs Bergleben auf Zeit. Konrad, der Mann von Monika, träumte seit Jahren davon, seinem harten Berufsalltag als Metzger in einem Dorf bei Eichstätt zu entkommen. „Ohne Telefon, Straßen, Fernseher.“ Nach drei Tagen auf der Brustalm ist er am Ziel, obwohl es immerhin ein kleines Radio gibt, das ununterbrochen schweizerische Alpenlieder dudelt. Zunächst spaltet Konrad mächtige Holzklötze für das Feuer, über dem Bauer Niklaus morgens im Kupferkessel die frisch gemolkene Milch zu Bergkäse verarbeitet. Später schleppt er ein frisch geborenes Kalb den Hang hinunter. Konrad weiß, wie man störrisches Vieh in den Stall treibt. „Wir hatten früher auch Landwirtschaft.“ Derweil kocht Monika auf dem kleinen Gasherd Reis fürs Abendessen. Obwohl sie gerne endlich auch mal die Füße hochlegen würde. „Irgendwie hatte ich gedacht, dass wir mehr in die Bauernfamilie integriert sind und dass die Bäuerin für uns mal einen Topf Gulaschsuppe kocht.“ Stattdessen sind die sieben Freiwilligen weitgehend auf sich selbst gestellt. Geschlafen wird in einem einfachen Raum, der vom Kuhstall nur durch eine dünne Bretterdecke getrennt ist. Viel Platz für Privatsphäre bleibt da nicht.

Bauer Niklaus weiß, dass er den Helfern viel abverlangt – abverlangen muss, damit sich der Einsatz für ihn lohnt. „Ich glaube aber, die meisten Helfer wissen, was sie erwartet, die haben sich auf die einfachen Verhältnisse und die Arbeit eingestellt und sind gerne hier oben in der Natur.“ Und wenn Konrad beim Hüttenabend am großen Holztisch seine bayrischen Trinklieder schmettert, Niklaus Kaffee aus dem Kessel überm Holzfeuer in dampfenden Tassen mit Obstler mischt und nebenan die Kuhglocken aus dem Stall herüberbimmeln, dann denkt niemand mehr ans Heimfahren.


23.05.2012
Impressum | Kontakt
4002