Aktuelle Ausgabe
2012-20

P. Cosmas Hoffmann leitet das „Haus der Stille“ der Benediktinerabtei Königsmünster

„In der Stille kann der Mensch sich selbst und Gott begegnen“

P. Dr. theol. Cosmas Hoffmann OSB ist Leiter des Gastbereiches der Abtei Königsmünster. Er wurde 1965 geboren und trat 1987 in den Orden ein. Seit 2001 leitet er das Haus der Stille. Haus der Stille, Abtei Königsmünster, 59872 Meschede, Tel.: 02 91 / 2 99 52 10, hausderstille@koenigsmuenster.de, www.hausderstille.info

Demjenigen, der sich auf die Stille einlässt, bietet sie ungeahnte Möglichkeiten. Diese Erfahrung machen die Besucher des „Hauses der Stille“ in der Benediktiner-Abtei Königsmünster immer wieder. P. Cosmas Hoffmann leitet das Haus und stellt es in seinem Gastbeitrag vor.

von P. Cosmas Hoffmann

Wenn es um einen herum ganz still wird, dann kann man erfahren, wie die Ohren noch hellhöriger und empfindsamer werden. Wenn es um einen herum ganz dunkel ist, dann blicken die Augen wachsam ins Dunkel und versuchen, in der Dunkelheit Schatten zu unterscheiden. Zugleich richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf den Tastsinn, um den dunklen Raum erkunden zu können.
Zu dieser Erfahrung, dass ein „ent-sinn-lichter“ Raum die Sinne verfeinert und damit die „Sinnlichkeit“ weckt, möchte das Haus der Stille einladen. Viele Menschen fühlen sich bei der Ankunft im Haus der Stille von der Kargheit des Baues, von der Kahlheit des Betons zunächst abgeschreckt. Doch dann beginnen sie, das Haus und seine Umgebung neu und tiefer wahrzunehmen: Die kristalline Schlichtheit des Baues, die Ausblicke auf und über die Apfelwiese, das Spiel von Licht und Schatten im Haus, die samtene Glattheit des Betons, die Strukturen und Spuren im Beton ...
Seit gut acht Jahren nun laden die Mönche der Abtei Königsmünster in das „Haus der Stille“ ein. Dieses Angebot scheint das Bedürfnis vieler Menschen, die im Gewirr des Lärms von heute einen Ort der Stille und des Schweigens suchen, zu treffen. Seit Mitte der 90er Jahre nahm die Zahl der Anfragen an das Kloster nach Räumen der Stille und Besinnung im Gastbereich zu. Gemeinsam mit Abt Stephan Schröer OSB sammelte eine Gruppe von Mönchen erste Ideen. Bezüglich des Entwurfs wandte man sich erneut an den Architekten Prof. Peter Kulka, der das Modell des im August 2001 eingeweihten Hauses entwickelte. Seitdem erfreut es sich einer regen Nachfrage. Menschen kommen als einzelne um für sich zu sein oder nehmen die Kursangebote der Mönche an oder kommen als Gastgruppe mit eigenem Programm oder … allen aber gemeinsam ist der Wunsch nach Ruhe und Besinnung.
Die Stille gilt in vielen Religionen als ein besonderer der Ort, wo der Mensch sich selbst und Gott begegnen kann. Am Beispiel zahlreicher Persönlichkeiten aus der Heiligen Schrift und der monastischen Tradition wird deutlich, dass, wer die leise Stimme seines innersten Wesens hört, darin auch den feinen Anruf Gottes vernimmt. Darum sind all jene, die sich auf diesen Weg der Gottsuche machen wollen, herzlich eingeladen, im Haus der Stille und im Rahmen des klösterlichen Alltags in einer besonderen Aus-Zeit sich selbst auf die Spur zu kommen, Gottes Gegenwart tiefer zu erfahren und die Verantwortung für den Nächsten zu erkennen. Dabei sollen die Ordnung des Raumes durch die Architektur und die Ordnung der Zeit durch die von der Benediktsregel geprägte klösterliche Lebensordnung, einen Rahmen schaffen, der der Stille Schutz und dem Leben in der Stille Struktur gibt. Mit diesem Anliegen, der Gottsuche einen schützenden Raum zu geben, fügt sich das „Haus der Stille“ dem Grundauftrag des benediktinischen Mönchtums ein, definiert doch der Ordensvater Benedikt den Mönch als einen Menschen, der Gott sucht.
Wer wirklich etwas sucht, der muss sich ganz darauf konzentrieren, den sollte nichts ablenken, damit er das, was er sucht, nicht übersieht. Darum muss ein Raum der Suche frei von allem sein, was diese beeinträchtigen könnte: keine überflüssigen Töne, keine unnötigen Bilder, sondern Klarheit und Konzentration auf das Wesentliche. So ist das Haus der Stille auch gebaut worden: nüchtern und streng, konzentriert und konzentrierend. Ein Kubus, der durch eine drei Meter breite Längsfuge in zwei ungleiche Häuser geteilt wird: In das „Wegehaus“ und das „Seins-Haus“. Die beiden Häuser sind auf verschiedenen Ebenen durch verglaste Brücken miteinander verbunden. Während das „Wege-Haus“ vor allem die Treppen und die Hauskapelle birgt, finden sich in den den oberen beiden Etagen des „Seins“-Hauses die Zimmer und auf den unteren beiden Etagen das Refektorium, der Kreuzgang und die große Halle.
Die unverputzten Wände aus glattem Beton machen den Entstehungsprozess des Hauses einsichtig, erschrecken aber auch manche mit ihrer Nacktheit. Doch wird diese nüchterne, fast kühle Strenge von den vielen Ausblicken in die umgebende Natur des Sauerlandes ergänzt. Während die Nüchternheit des Baues den Menschen behutsam zu sich und seiner Wirklichkeit führt, weitet der Blick, der über den Apfelgarten der Abtei den weiten Horizont erschließt, das Herz und lädt ein zum Stillwerden, zum Schauen, zur Kontemplation.
Es ist immer wieder überraschend, wie die Wahrnehmung Gäste immer feiner wird, was sie auf einmal entdecken, wie sie ihren Sinnen immer mehr auf die Spur kommen und damit in der Stille die Spur ihres Lebens-Sinnes neu entdecken.


24.05.2012
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