Neuer Band der Soester Zeitschrift beleuchtet unter anderem kirchlichen Wiederaufbau nach 1945
„Jetzt hilft nur Predigt und Gebet“
Soest. Die Nachkriegszeit in Soest ist Thema des jüngsten Bandes der Soester Zeitschrift, die in der vergangenen Woche vorgestellt wurde. Ein Schwerpunkt ist dabei die Frage, wie die Christen der Stadt mit dem inneren und äußeren Wiederaufbau zurechtgekommen sind: Vier der 14 Beiträge widmen sich dem Thema aus kirchlicher Perspektive.
von Kay Müller
„Den Soestern war vor allem wichtig, dass die Kirchtürme noch standen“, sagt Ilse Maas-Steinhoff vom Verein für Geschichte- und Heimatpflege, der die Soester Zeitschrift herausgibt. Ansonsten aber hatte die Stadt unter erheblichen Kriegsschäden zu leiden. Auch die beiden Hauptkirchen, die Propsteikirche St. Patrokli und die heute evangelische St.-Pe-tri-Kirche, waren stark beschädigt worden. „Man ist heute erschüttert und gerührt, wenn man sieht, unter welch widrigen Umständen beide Kirchen wieder errichtet wurden“, sagt Pfarrer Bernd-Heiner Röger, der den Artikel zum Wiederaufbau der Petri-Kirche beigesteuert hat. So waren Baumaterialien extrem schwierig zu bekommen und mussten teils über Tauschhandel organisiert werden. Dank der großen Spendenbereitschaft in der Bevölkerung sei es dennoch gelungen, die Kirche schon 1948 zumindest teilweise wieder in Gebrauch zu nehmen.
Unter schwierigen Bedingungen verlief auch der Wiederaufbau der unmittelbar benachbarten St.-Patrokli-Kirche, den Jürgen Peters für die Soester Zeitschrift beleuchtet. Um Geld für die Baumaßnahme aufzubringen, war Ideenreichtum gefragt. So wurde zum Beispiel eine Dombau-Lotterie ins Leben gerufen. Erster Preis: ein Eigenheim. Auch hier sei die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung enorm gewesen, so Peters. Pfingsten 1948 konnte bereits wieder Gottesdienst in der Kirche gefeiert werden, komplett abgeschlossen war der Wiederaufbau zwei Jahre später.
Obwohl die Gebäude vielfach in Trümmern lagen, war die Nachkriegszeit zugleich auch eine Blütezeit kirchlichen Lebens. „Der Gottesdienstbesuch war atemberaubend. Die Leute strömten zu Tausenden in die Kirchen“, weiß Ilse Maas-Steinhoff, die sich in ihrem Beitrag mit der Situation der evangelischen Gemeinden in der Nachkriegszeit beschäftigt hat. In Soest war diese Zeit noch von der Kirchenspaltung während der NS-Zeit geprägt, als sich Anhänger von Bekennender Kirche und Deutschen Christen teils heftig beharkt hatten. Nach dem Krieg habe der damalige Pfarrer Gottfried Freytag eine eher traditionalistische Richtung eingeschlagen, berichtet Maas-Steinhoff: „Die Devise lautete: Jetzt hilft nur Predigt und Gebet“. Der konservative Kurs gipfelte in dem Vorstoß, Frauen das passive Wahlrecht bei Presbyterwahlen wieder abzuerkennen, was jedoch von der Landessynode abgelehnt wurde.
Auf katholischer Seite kam das Glaubensleben vor allem dank der katholischen Verbände schnell wieder auf die Beine. Dr. Ulrich Löer, der dieses Kapitel untersucht hat, verweist dabei auf einen durchaus unterschiedlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit innerhalb des katholischen Milieus. Während in den katholischen Müttervereinen (der späteren kfd) der Krieg als „Heimsuchung“ und „Strafe Gottes“ interpretiert worden sei, schöpften viele Pfarrer aus der Kontinuität in der Liturgie ein neues Selbstbewusstsein.
Die Schuldfrage wurde in katholischen wie evangelischen Gemeinden eher zaghaft thematisiert. Immerhin sei die erste Kirchenkreissynode nach dem Krieg mit einem Schuldbekenntnis eröffnet worden, berichtet Maas-Steinhoff. Im katholischen Bereich habe es mit Blick auf die Vergangenheitsbewältigung „kein Bohren und Nachfragen“ gegeben, so Löer. Es sei vor allem in die Zukunft geblickt worden. So habe es damals eine beeindruckende Vielfalt von gesellschaftlichen und theologischen Vortragsveranstaltungen gegeben. Zudem gab es auch vereinzelte Bemühungen, die Laienbewegung „Katholische Aktion“ auch in Soest zu etablieren.







