Aktuelle Ausgabe
2012-20

In der Warburger Laurentius-Schule lernen 160 Schüler mit besonderem Förderbedarf

„Jetzt kann er seine Stärken zeigen!“

Die Klasse „Oberstufe/Berufspraxisstufe“ der Laurentius-Schule (von links): Integrationshelfer Markus Schrick, Christian, Tanita, Matthias, Integrationshelferin Marina Griebat, Jan, Jane, Sarah, Senem, Robin, Lehrerin Anne Stalze und Daniel. Foto: Jonas

Warburg. Die Laurentius-Schule in Warburg nimmt Schüler mit einer geistigen Behinderung auf. Förderschwerpunkte sind geistige sowie körperliche und motorische Entwicklung. 

von Markus Jonas 

Schnell beugt sich Christian vor, haut auf den großen gelben Taster auf dem Tisch in der Mitte. Eine Computer-Stimme ertönt: „Ich will auch mal.“ Aufgeregt zuckt Christian mit dem Kopf hin und her. Der 18-Jährige kann nicht sprechen und möchte sich im Stuhlkreis der Klasse ein Morgenlied wünschen. Auf einem Sprachausgabegerät wählt er ein Feld mit einem Lied-Symbol. „Hallo, hallo, schön, dass du da bist“ ertönt – das gleiche Lied, das die Klasse gerade schon gesungen hat. Lehrerin Anne Stalze fragt nach. Christians Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel zu. Er möchte es noch einmal hören. Anne Stalze und die beiden Integrationshelfer Marina Griebat und Markus Schrick stimmen das Lied an, wenden sich dabei den Schülern zu, motivieren sie, auch die Mitschüler zu begrüßen.

Zu der Klasse gehören neun Schüler der Oberstufe und der Berufspraxisstufe der Laurentius-Schule. Alle haben eine schwere geistige Behinderung mit einem überdurchschnittlich hohen Förderbedarf. Nur zwei der Schüler können sich mit Ein- und Zwei-Wort-Sätzen ausdrücken. Deshalb wird in der Klasse viel Wert auf „unterstützte Kommunikation“ gelegt. „Wir sprechen mit Gebärden und lernen den Umgang mit Sprachausgabegeräten“, erklärt Anne Stalze. 

Der 14-jährige Jan gehört erst seit einer Woche zur Klasse. Obwohl er der Jüngste ist, scheint er seinen neuen Mitschülern geistig überlegen zu sein. „Wir haben ihn bewusst in eine Klasse getan, wo er am stärksten ist“, erklärt Schulleiter Martin Hagemann. Die Wettbewerbssituation an seiner vorherigen Schule habe ihn stark unter Druck gesetzt. Versagensängste beherrschten seinen Alltag. „Jetzt kann er seine Stärken zeigen“, erklärt Hagemann. „Und seine auffälligen Verhaltensweisen werden von den anderen nicht beachtet.“ Viele Kinder und Jugendliche, die überfordert sind, reagieren aggressiv. „Sie entwickeln Auffälligkeiten, die eine Familie oder eine Schulklasse sprengen können“, erklärt der Schulleiter. Auch solche „Systemsprenger“ können in der Laurentius-Schule gefördert werden. 

Sarah stößt einen lauten Schrei aus, will sich auch ein Lied wünschen. Marina Griebat lenkt Sarahs Hand auf die richtige Taste. Ohne ihre Integrationshelferin könnte die 15-jährige Sarah nicht am Unterricht teilnehmen. Immer wieder wird sie aggressiv – gegen sich selbst und andere. „Sarah hat eine sehr geringe Frustrationstoleranz“, erklärt Lehrerin Anne Stalze. Ohne einen ständigen Begleiter würden Jugendliche wie Sarah „jede Stunde kippen“, erklärt Martin Hagemann und ist froh über die insgesamt 21 Integrationshelfer in seiner Schule. Sie begleiten jeweils einen besonders hilfsbedürftigen Schüler, unterstützen ihn bei allen Förder- und Lernprozessen. Bei Bedarf können sie mit ihrem Jugendlichen in Absprache mit den Lehrern auch die Klasse verlassen und ein alternatives Angebot in Anspruch nehmen – gemäß dem individuellen Förderplan, den es für jeden Schüler gibt. Dafür bietet das Heilpädagogische Therapie- und Förderzentrum St. Laurentius (HPZ), zu dem die Schule gehört, mit seinen 400 Bewohnern und rund 550 Angestellten vielfältige Möglichkeiten. 

Schulleiter Martin Hagemann berichtet von hoher Zufriedenheit in seinem 48-köpfigen Kollegium. Angesichts der Behinderungen der Schüler sind Förderschulen für behinderte Kinder weiterhin notwendig, ist Hagemann überzeugt. „Es wird immer Kinder geben, die einen besonderen Förderbedarf haben.“ Und dass die nicht unter den Tisch fallen, dafür sorgt die Laurentius-Schule seit nunmehr 40 Jahren.

 


24.05.2012
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