Kommentar
Kalter Kaffee
Bis hin in die Diskussionsforen des Katholikentages hat es die Praxis des Exorzismus in den vergangenen Tagen gebracht. Viele Medien hatten das Thema zuvor aufgegriffen – allerdings ohne einen konkreten aktuellen Anlass. Allein das Wort und die meist aus Hollywood stammenden damit verbundenen Vorstellungen reichten für das Medieninteresse.
Normalerweise ist es im Pressewesen so, dass zuerst etwas passiert (ist) und anschließend die Medien darüber berichten. Dabei kann das Ereignis auch schon mal einige Jahre zurückliegen. Völlig ohne erkennbaren faktischen Hintergrund kochte allerdings in den vergangenen Tagen das Thema Exorzismus (Teufelsaustreibung) als Element in der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit hoch.
Zuletzt hatte der Fall der Anneliese Michel 1976 über Deutschland hinaus für Schlagzeilen gesorgt. An der kranken Frau waren zuvor Teufelsaustreibungen versucht worden.
Wer Filme wie „Der Exorzist“ oder „Der Exorzismus der Emily Rose“ dabei im Kopf hat, für den ist allein das Wort schon eine Meldung wert. Doch bei den neuen Exorzismen, mehr oder weniger lange Andachten am Bett des Erkrankten, schwebt niemand über dem Bett oder erbricht grüne Erbsensuppe.
Außer einer selbst gemachten Aktualität geben die Fakten eigentlich keinen aktuellen Anlass für eine seriöse Berichterstattung. Die neuerliche Artikelflut geht augenscheinlich auf einen Nebensatz in einem zweistündigen Interview mit dem Pressesprecher im Erzbischöflichen Generalvikariat zurück, das vor einem halben Jahr geführt wurde. Darin bestätigte er, dass es im Erzbistum Paderborn in den vergangenen zehn Jahren drei Teufelsaustreibungsgebete mit bischöflicher Genehmigung gegeben habe. In der Amtzeit von Erzbischof Hans-Josef Becker allerdings nicht mehr. Und der ist seit 2003 im Amt. Mehr als Kalter Kaffee ist daher an dem Thema nicht dran.
Gerd Vieler (51)
ist Chef vom Dienst des DOM






