Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen ist Präsident von Pax Christi Deutschland
„Kinder gehören immer zu den ersten Opfern in einem Krieg“

- Bischof Heinz Josef Algermissen wurde am 15. Februar 1943 in Hermeskeil bei Trier geboren. 1969 empfing er die Priesterweihe. Er war lange Jahre als Pfarrer in Bielefeld tätig. Am 23. Juli 1996 wurde er zum Weihbischof in Paderborn ernannt. Seit 2001 ist Heinz Josef Algermissen Bischof von Fulda. Seit Herbst 2002 ist er Präsident von Pax Christi Deutschland.
„Jede Gewalt quält den Körper und demütigt den Geist“, schreibt der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen in seinem Gastbeitrag für diese Dom-Ausgabe. Der Präsident der katholischen Friedensbewegung Pax Christi macht darin deutlich, auf welch vielfältige Weise Kinder zu Opfern von Kriegen werden und was dagegen unternommen werden kann.
von Bischof Algermissen
Vor wenigen Wochen noch zeigte der Krieg in Georgien seine brutale Fratze. Und wie immer gehörten Kinder zu seinen ersten Opfern. Sie verlieren ihre Väter und Familien, werden Zeugen mörderischer Gewalt oder werden getötet, weil sie der Gewalt des Krieges wehr- und hilflos ausgesetzt sind.
Zudem sind Kinder im Krieg immer auch Opfer der Propaganda. In unserer Medienwelt eignen sie sich besonders gut, Stimmungen anzuheizen und Feindbilder zu manifestieren. Wir wissen nicht, wie viel Wahrheit oder Lüge sich hinter manchen Berichten über vermeintliche Gräueltaten an Kindern verbergen. So auch zuletzt bei Berichten aus dem Kriegsgebiet in Georgien. Wir wissen aber, dass die Wahrheit im Krieg immer zuerst stirbt und Meldungen über die Erschießung von Kindern zur willkommenen Rechtfertigung für Vergeltungsaktionen dienen.
Tatsache ist auch, dass Kinder in noch ganz anderer Form zu Opfern des Krieges werden, weil man sie als Soldaten missbraucht. Weltweit werden heute in den Kriegsgebieten nach jüngsten Schätzungen etwa 250000 Kinder und Jugendliche als Soldaten eingesetzt und als Kindersoldaten vergewaltigt. Bei der Rekrutierung solcher Kindersoldaten hält Uganda einen traurigen Rekord: Rund 30000 Kinder wurden in den vergangenen zwanzig Jahren zur Gewalt gezwungen. Hinter solchen Zahlen verbergen sich die unzähligen Schicksale, die jedes Kind je als Soldat durchleidet oder durchlitten hat.
Der heute bald dreißigjährige Emmanuel Jal, Musiker und ehemaliger Kindersoldat aus dem Sudan, erzählt davon. „Ich kann weder genau sagen, wo ich geboren wurde, noch wie alt ich genau bin. Meine Eltern müssen konvertierte Muslime gewesen sein. Mein Vater steckte mich mit ungefähr sechs in ein Trainingscamp der Rebellen. Ich bin aber nicht nur Opfer gewesen. Ich war so wütend und wollte den Kampf unterstützen. Ich dachte, ich könnte lernen, Kampfjets zu fliegen. Ich dachte nur ans Töten. Wir übten an Tieren, die wir dann vergruben, damit sie keiner findet. Ich wollte so viele Feinde wie möglich töten.“
Es ist das Verdienst zahlreicher Initiativen und Organisationen, wie des Internationalen Katholischen Missionswerkes Missio, dass sie immer wieder auf die Situation der Kindersoldaten hinweisen und an das Gewissen der Weltöffentlichkeit appellieren, zuletzt mit dem „Weltbericht Kindersoldaten 2008“ oder der Kampagne gegen Kindersoldaten zum Weltmissionssonntag 2007 von Missio. Pax Christi konnte während des Balkankrieges durch die Entsendung von Freiwilligen in die dortigen Flüchtlingslager Kindern Hilfe zukommen lassen.
Wenn wir in die Augen der Kinder aus den Kriegsgebieten dieser Welt schauen, offenbart sich die Schuld bestimmter politischer Systeme und die Folge geschürter Gewalt. Wo die Begeisterung für das Leben bereits durch Krieg und Aggression durchkreuzt wurde, drohen Hass und Feindschaft zur Grundlage der Beziehungen zu werden. „Ein Krieg beginnt nie erst, wenn geschossen wird, er endet nicht, wenn die Waffen schweigen. Wie er längst vor dem ersten Schuss in den Köpfen und Herzen von Menschen begonnen hat, so braucht es lange, bis der Friede in den Köpfen und Herzen der Menschen einkehrt“, so schrieben die deutschen Bischöfe im Jahre 2000 in „Gerechter Friede“. Es bedarf unser aller Anstrengung, Kindern, die früh die Erfahrung des Krieges machen mussten, Frieden als die einzige tragfähige Basis menschlichen Zusammenlebens nahe zu bringen.
Das allerdings wird nur möglich sein, wenn wir Erwachsene selbst bereit sind, konkrete Schritte zur inneren Reinigung zu tun. Dazu einige Vorschläge: Pflanzen wir uns und allen, auf die wir Einfluss haben, eine tiefe Abneigung gegen jede Form von Gewalt ein, ganz gleich, wer sie ausübt. Jede Gewalt quält den Körper und demütigt den Geist. Sie fängt in Familie und Schule an und hört auf dem Schlachtfeld auf.
Den Frieden bauen bedeutet nicht, zu allem Ja und Amen zu sagen und um des lieben Frieden willen dauernd fünf gerade sein zu lassen. Es kann eben auch einmal heißen, ungehorsam zu sein. Denn immer dann, wenn der Ruf nach Ruhe und Ordnung das Übel beschwichtigt, verfault der Friede. Wer den Frieden will, darf die Auseinandersetzung um Wahrheit und Gerechtigkeit nicht scheuen. Er muss mit den Konflikten leben, um den Krieg zu verhindern.
Wenn die begründete Hoffnung auf Frieden erlischt, ist alles verloren. Darum möchte ich an die Worte des unvergessenen Papstes Johannes Paul II. vom 13. Januar 2003, angesichts des Irak-Krieges, erinnern: „Nein zum Krieg! Er ist niemals ein unabwendbares Schicksal. Er ist immer eine Niederlage der Menschheit!“






