Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Kleine Episoden – große Lebenszeichen

Werner Schaube ist Leitender Direktor des Zentrums für Schulpraktische Lehrerausbildung Dortmund.

Der Glaube hilft, Ereignisse im Leben Jesu in ihrer Bedeutung für uns zu verstehen. 

von Werner Schaube 

Wenn das Sonntagsevangelium Ereignisse aus dem Leben Jesu „erzählt“, gibt es manchmal Schwierigkeiten beim Zuhören: Einerseits erzeugen die vertrauten Geschichten das Signal zum Überhören: „Kenn’ ich doch!“; andererseits gibt es beim genaueren Hinhören zuweilen kleine Überraschungen oder gar irritierende Störmomente des Verständnisses.

Erstens: Die wunderbare Heilung der Schwiegermutter des Simon könnte nach Aussagen des Textes auch als Beschreibung einer menschlich-medizinischen Behandlung verstanden werden. 

Zweitens: Das Beten Jesu in aller Frühe, bei Dunkelheit und an einem einsamen Ort, wird in einen überraschend merkwürdigen Zusammenhang gebracht; man könnte auch sagen, wird „gestört“ durch den Vorwurf: „Alle suchen dich“!

Zwei Momentaufnahmen in den wenigen Versen des Markusevangeliums; zwei Szenen, die für sich genommen eigentlich alltäglich sind – nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir nach den Verkündigungskernen suchen, also nach der froh machenden Botschaft vom Reich Gottes, müssen wir uns einmal den Zusammenhang und die Folgen dieser Episoden vor Augen führen. 

Was mit der Schwiegermutter des Simon geschah, war kein Einzelfall; man brachte alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Und Jesus half ihnen, er war der Heiland, und sie wussten es! Und seinen Freunden gibt der betende Jesus eine weit reichende Antwort: Sein Verkündigungsauftrag gilt, das ist seine Mission! Jesus predigt, treibt Dämonen aus; ganz Galiläa und jede Synagoge soll es hören und sehen!

Um diese Jesus-Ereignisse geht es: das lebendige Wort Gottes wohnt unter uns und lebt mit uns. Im Licht des auferstandenen Christus sind alle Erfahrungen und Erzählungen Ausdruck der heilsamen Zuwendung Gottes: jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde!

Wie gehen wir damit um? Das Evangelium ermöglicht uns immer neu die Begegnung mit Jesus Christus. Sein Wort wird heute und morgen verkündet. Unsere Antwort – sowie die Antworten unserer Vorfahren und die unserer Kinder und Enkel – finden Ausdruck in einem zutiefst christlichen Vertrauen, das uns Hoffnung gibt und froh macht. Die Gemeinschaft der Glaubenden feiert aus diesem Geist Eucharistie und versucht, so gestärkt und motiviert die Welt zu gestalten. Es gibt Tag für Tag viele kleine Episoden, die im Licht der Frohen Botschaft des Evangeliums große Lebenszeichen setzen. 

Gute Absichten und helfendes Tun fügen sich zum Mosaik einer besseren Welt; im Mit-einander und im Füreinander finden Menschen ihre Berufung. Der wohlwollenden Phantasie sind im Miteinander keine Grenzen gesetzt. Dieses Netzwerk aller Menschen guten Willens bedarf der Pflege; jede Gesellschaft ist gefordert, Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, aus der sie lebt. 

Stellen wir uns das einmal vor: Jesus Christus fasst uns an der Hand und richtet uns auf! 

Diese kleine Episode aus dem ersten Kapitel des Markusevangeliums ist ein wunderbares Bild: gehalten von Gott (wie die Schwiegermutter des Simon) – so kann der Mensch leben und sterben. Das könnte unsere Verkündigung sein; das ist unser Glaube. 


24.05.2012
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