Telefonseelsorge Hamm ist auch im Sommer rund um die Uhr besetzt
Krisen kennen keine Ferien
Hamm. Draußen scheint die Sonne. Es ist warm. Unter blauem Himmel gehen die Menschen spazieren, Kinder spielen im Park. Im zweiten Stock eines unscheinbaren Gebäudes sitzt eine Frau und verzichtet heute freiwillig auf den Sommergenuss. Sie hat Dienst bei der Telefonseelsorge Hamm und wartet auf den nächsten Anruf. Denn Krisen machen keine Sommerferien.
Davon könne wirklich nicht die Rede sein, bestätigt Theo Niederschmid. Der Leiter der Telefonseelsorge Hamm belegt dies anhand eines Diagramms, das die prozentuale Verteilung von Anrufen auf die Monate des Jahres 2007 darstellt. Zwar zeigen sich im Juli und August kleine Schwankungen nach unten. „Aber wir können wirklich nicht davon sprechen, dass die Menschen im Sommer weniger Nöte haben“, erklärt der 60-Jährige. Ganz im Gegenteil sogar. Die Menschen hätten durchweg die gleichen Probleme wie im Rest des Jahres auch. „Trotz Ferien, Urlaub oder Sonnenschein – die Sorgen bleiben“, weiß Niederschmid aus langjähriger Erfahrung.
Dabei kommt den zurzeit 96 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge für die Stadt Hamm, den Kreis Warendorf und den Kreis Soest tagtäglich die ganze Bandbreite an möglichen Themen zu Ohren. Ob Schmerzen, Depressionen, Beziehungsprobleme oder Schlafstörungen: auch augenscheinlich geringe Anlässe führen schon zu einem Anruf. „Wer einsam ist, ruft bei uns an“, erklärt Niederschmid. Oft wollten sich Menschen einfach mal mitteilen, weil sie sonst niemanden hätten, um über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen. Oder weil sie sich schämen, diese einzugestehen. Die garantierte Anonymität der Telefonseelsorge mache dies dann aber möglich.
So habe auch eine Frau angerufen, die auch nach über fünf Jahren immer noch um ihren verstorbenen Mann trauerte. Alle sagten ihr: „Jetzt muss es aber mal gut sein, es muss doch weitergehen!“ Doch sie habe die Trauer zum Teil nicht mehr aushalten können. Und weil sie sich geschämt habe, mit anderen weiter darüber zu reden, wählte sie die Nummer der Telefonseelsorge. „Im Gespräch geht es dann gar nicht unbedingt darum, das Problem sofort zu lösen“, sagt Theo Niederschmid. Das sei oft auch gar nicht möglich. Stattdessen müsse der Anrufer das Gefühl bekommen, dass sein Gegenüber ihn verstehe. Erst wenn er sich akzeptiert fühlt, könne er sich beruhigen und auf eigene Lösungen seines Problems kommen.
Der Leiter der Telefonseelsorge erinnert sich auch an den Anruf eines jungen Mannes. Zwei Etagen unter ihm war ein älterer Mann verstorben, aber erst nach zehn Tagen aufgefunden worden. „Das hat ihn ziemlich aufgewühlt, sodass er kaum noch schlafen konnte“, berichtet Niederschmid. Für den Mitarbeiter am Telefon hieß das in diesem Fall: akzeptieren, dass den Anrufer diese Situation so stark mitnimmt. Als der Mann merkte, dass er ernst genommen wurde, sei das Gespräch quasi schon beendet gewesen.
Solche und viele weitere Anrufe gehen täglich bei der Telefonseelsorge ein. Im Schnitt klingelt das Telefon dreimal in der Stunde; ein Gespräch dauert dann durchschnittlich 12 Minuten. „Deshalb ist unser Telefon täglich rund um die Uhr besetzt“, erklärt Theo Niederschmid. Auch im Sommer. Denn Krisen kennen keine Ferien.
Birger Berbüsse
Weitere Informationen zur Telefonseelsorge Hamm gibt es im Internet auf der Seite
www.telefonseelsorgehamm.de
Die Notrufnummer ist die 08001110-111/222.







