Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Kult ohne Klamauk

Msgr. Alois Schröder

Das hast du gut gemacht, Jesus! Da hast du mal gründlich aufgeräumt und gezeigt, wer Herr im Hause ist! Den Herren vom Tempel hast du ordentlich die Leviten gelesen. Das gefällt. Und doch, Vorsicht mit dem Applaus! Meint Jesus nicht auch uns mit seiner Aktion „Tempelreinigung“, so fragt der Paderborner Dompastor Alois Schröder.

von Alois Schröder

Damit wir Jesu rigoroses Einschreiten gegen das muntere Treiben im Tempelbezirk richtig verstehen, lassen wir das Psalmwort auf uns wirken, das die Jünger zitieren: „Der Eifer für dein Haus verzehrt mich“ (Ps 69,10). Der Tempel in Jerusalem ist gemeint, das große Heiligtum der Juden, zu dem auch Jesus aus Anlass des Passahfestes gepilgert ist. Er weiß sich dort im Haus seines Vaters, wie er schon als zwölfjähriger seinen Eltern deutlich gemacht hat: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstest ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört“ (Lk 2,49)?
Dass man ohne große Bedenken das Haus seines Vaters zu einer Markthalle gemacht hat, lässt in Jesus den heiligen Zorn aufsteigen. Da kennt er kein Pardon. Durch sein souveränes Handeln macht er unmissverständlich klar, worum es eigentlich im Tempelkult gehen sollte: Um das Gebet und die Gottesverehrung! Jesus demonstriert durch sein machtvolles Auftreten den Tempelaufsehern, dass sie kläglich versagen und ihrer Verantwortung keineswegs gerecht werden. Sie lassen es zu, dass sich der Tempelkult in Äußerlichkeiten verliert; dass das Haus des Gebetes zu einer Räuberhöhle gemacht wird (vgl. Mt 21,13).
Wen wundert’s, dass die Juden auf den Plan gerufen werden? Beanspruchen sie doch für sich die Oberhoheit in der Verwaltung des Tempels. So kommt es für Jesus zu einem ersten Verhör, gleich zum Beginn seines öffentlichen Wirkens. Jerusalem wird offensichtlich für ihn zu einem heißen Pflaster werden. Die Juden, seine hartnäckigen Gegner, werden immer wieder von ihm Zeichen für seine göttliche Legitimation fordern. Allerdings werden sie nicht erkennen und bekennen, dass Jesus selbst der wahre Tempel ist, das Haus Gottes, in dem Gott im „Geist und in der Wahrheit“ angebetet wird (vgl. Joh 4,23).
Die Tempelreinigung bedeutet die Überwindung des alttestamentlichen Kultes, zumal in seiner Fixierung auf Äußerlichkeiten. Und damit setzt Jesus ein Zeichen, das auch uns als Kirche, als seine Kultgemeinde heute, zu manchem Fragezeichen Anlass gibt: Geht es bei unseren liturgischen Feiern, sei es in der kleinen Dorfkirche oder in einer großen Kathedrale, immer zuerst und allein um die Verehrung Gottes, um eine adäquate Antwort auf seine Liebe zu uns? Feiern wir mit unseren Ritualen die Größe und die Liebe Gottes oder lediglich unsere persönliche Verliebtheit in so manch schöne Tradition? Bringen wir in unseren Gebeten und Liedern uns selbst, unser Leben und unsere Welt vor Gott, damit sie durch ihn verwandelt und geheiligt werden? Berühren sich in unserer Liturgie Himmel und Erde, Gott und Mensch, sodass es immer wieder neu zur Inkarnation, zur „Fleischwerdung des Wortes“ kommen kann? Oder läuft sie mehr und mehr Gefahr, zu einem leeren und lebensfernen Ritual zu verkümmern? Feiern wir unsere Gottesdienste bewusst im Geiste und in der Gesinnung Jesu, damit wir ihn nicht nur beim Brechen des Brotes, sondern auch in der Hinwendung zu den Ärmsten der Armen erkennen? Das wäre ein ehrlicher und glaubwürdiger „Tempelkult“ und wir liefen nicht Gefahr, wie der „Priester und Levit“ im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (vgl. Lk 10,25-37) kläglich zu versagen. Sonst würde uns Jesus vorwerfen können: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir“ (Mk 7,6)! Bedenken wir, was und wie wir beten und Gottesdienst feiern und warum wir es tun!


24.05.2012
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