Hinter den Kulissen des LWL-Freilichtmuseums in Detmold
Kultur kennt keinen Winterschlaf
Noch ist der große Parkplatz, auf dem sonst die Autos dichtgedrängt stehen, leer, die Kasse nicht besetzt: Die Saison im LWL-Freilichtmuseum Detmold – dem größten seiner Art in Deutschland – beginnt erst am 1. April wieder. Doch auch wenn die Besucher noch fehlen, verlassen ist das Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe nicht: Für die Mitarbeiter in den Werkstätten und Magazinen gibt es viel zu tun.
von Andreas Wiedenhaus (Text und Fotos)
Ein komischer Kasten steht da in dem sonst so malerischen Gelände: Etwa drei mal vier Meter Grundfläche, rund vier Meter hoch, die Wände bis zur halben Höhe braun gefliest. Auf Stahlträgern steht dieser Würfel, rundherum ist er mit Balken gesichert. „Für den Transport“, erklärt Museumsarchitektin Claudia Diekmann das seltsame Korsett aus Holz und Eisen: „So war es möglich, das Objekt in einem Stück hierher zu bringen.“
Dieses „Objekt“ ist das Kassenhäuschen einer Tankstelle aus dem Jahr 1951. Bis Mitte vergangenen Jahres stand sie in Siegen-Niederscheiden; ungenutzt, aber doch nicht uninteressant. Und jetzt sogar „museumswürdig“. Ein imposantes Flugdach aus Beton macht die historische Tankstelle komplett: Vorn abgerundet, auf Säulen stehend – typisch für die 50er-Jahre. In sieben Teile zerschnitten liegt es in einem großen grauen Zelt neben dem Kassenhaus. „Beton ist für uns eine neue Erfahrung“, sagt die Architektin. So wie sich zu Beginn der fünfziger Jahre der Werkstoff für „normale Bauten“ immer mehr durchgesetzt habe, werde er nun für die Bauhistoriker im Freilichtmuseum interessant.
Allerdings haben 60 Jahre ihre Spuren hinterlassen. Und so robust, wie viele glauben, ist der graue Baustoff doch nicht. Einiges muss restauriert werden. Claudia Diekmann: „Restaurierung heißt für uns, dass das saniert wird, was in Gefahr ist, weiter Schaden zu nehmen. Den Neuzustand des Jahres 1951 streben wir nicht an.“ Gebrauchsspuren dürfen also bleiben: „Picobello sollen die Objekte nicht sein, schließlich müssen die Spuren der Baugeschichte erhalten und sichtbar bleiben.“ Die Eröffnung der Tankstelle ist für das kommende Jahr vorgesehen.
Zurzeit gehört viel Phantasie dazu, sich beim Anblick dieses „Riesenpuzzles“ ein Gebäude vorzustellen. Doch Zweifel am Zeitplan hat die resolute Frau nicht: „Nachdem alles wohlbehalten hier angekommen ist, ist der Wiederaufbau für unsere Bauhandwerker und Gebäuderestauratoren fast schon Routine.“
Fünf Fahrzeuge inklusive Tieflader waren für den Transport nötig. Das Kassenhaus steht bereits an seinem endgültigen Platz auf einer Betonplatte – und trotz der großen Entfernung vom Ursprungsort in „heimatlicher Umgebung“: Die Tankstelle wird im sogenannten Siegerländer Weiler des Museums aufgebaut. Als Beispiel dafür, wie die Motorisierung auch das dörfliche Leben nach dem Zweiten Weltkrieg verändert hat. Eine Kapellenschule steht bereits in dem Weiler, der noch weiter ausgebaut werden soll. Auf der „Wunschliste“ von Museumsleiter Dr. Jan Carstensen steht derzeit ein Bungalow aus den 60er-Jahren: „Den haben wir noch nicht im Bestand, da suchen wir nach einem Objekt mit der entsprechenden Bewohnergeschichte.“
So wie die Tankstelle wartet noch eine ganze Reihe von Gebäuden auf den Wiederaufbau. Einige sind in Einzelteilen auf dem weitläufigen Gelände verteilt. Der wirkliche Bestand des Museums ist noch sehr viel größer. Er verbirgt sich hinter den Stahltüren eines Hangars auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflugplatzes ein paar Kilometer entfernt.
Regale bis zur Decke beherrschen die riesige Halle: Stühle, Tische, Sofas – Möbel in jeder Form. Eine ganze Reihe von Standuhren. Auf einem großen dunkelbraunen Schrank am Eingang steht mit Kreide die Ortsbezeichnung „Clarholz“ geschrieben. Die unterschiedlichsten Stücke sind in den endlosen Reihen zu entdecken: Bienenkörbe, Bollerwagen – sogar ein Beichtstuhl und ein Sarg. Eine weitere Abteilung beherbergt Metallobjekte – vom Wecker über Waffeleisen bis hin zu Fahrrädern oder Tanksäulen.
Für den Laien ist es schier unüberschaubar, dieses „materielle Gedächtnis Westfalens“, wie Katharina Schlimmgen-Ehmke, die Leiterin des Referates Sammlungen, die Bestände des Magazins nennt. Als Landesmuseum für Volkskunde gehört es zur Arbeit des LWL-Freilichtmuseums, Alltagsleben und -geschichte zu dokumentieren und die entsprechenden Objekte zu bewahren.
Dieser Aufgabe widmen sich die Restauratoren des Museums. Einer von ihnen ist Franz Mühlbauer-Keul. Der 59-Jährige arbeitet seit 1983 im Freilichtmuseum und ist Spezialist für Papier und Leder – vom wertvollen Buch bis hin zum kleinen Kommunionbild. Gerade in diesem Bereich ist die Bandbreite sehr groß: Allein rund 3300 gerahmte Fotos, sagt Mühlbauer-Keul, gehören zum Museumsbestand.
Für die Bilder und diversen Wandschmuck gibt es im Depot ein ganz besonders ausgeklügeltes Aufbewahrungssystem: Sie hängen an großen Gitterwänden, die eng hintereinander stehen und verschiebbar sind. So ist der Raum optimal genutzt. Auch auf den Wänden selbst bleibt kein Quadratzentimeter frei: Ein Computer-System rechnet anhand der Bildmaße aus, was wo am besten platziert wird, damit kein wertvoller Platz verschwendet wird. Entsprechend bunt ist der Anblick: So hängt etwa ein Heiligenbild neben einem alten Meisterbrief. „Aber solange der Computer den Überblick behält, ist es ja kein Problem, ein Stück zu finden“, lacht der Restaurator.
Bevor die Bilder überhaupt an ihren Platz kommen, müssen sie zuerst einmal gereinigt werden. Das gilt besonders für ungebetene Gäste, die auf keinen Fall in das Magazin gelangen dürfen: Schädlinge wie Nager, Käfer, Motten oder Holzwürmer. Solchen potenziellen Eindringlingen wird mit Wärme oder Kälte zu Leibe gerückt: Holzobjekte werden schonend auf rund 60° erhitzt. Stücke, denen die Wärme schaden würde – wie etwa Fotos – werden heruntergekühlt, bis kein Schädling mehr am Leben sein kann. Zur Sicherheit sind überall im Magazin Lockfallen aufgestellt, so dass ein Befall frühzeitig entdeckt würde. „Bisher ist das aber Gott sei Dank noch nicht passiert“, ist Franz Mühlbauer-Keul optimistisch, dass Holzwurm und Konsorten auch weiterhin draußen bleiben.
Eine Chance darauf, je ausgestellt zu werden, hat nur ein Bruchteil der im Magazin eingelagerten Objekte. Ungenutzt oder gar „weggeschlossen“ sind die rund 250000 Stücke aber nicht: Beispielsweise sind sie zu Forschungszwecken zugänglich. Und manche dürfen doch einmal diese vollklimatisierte Schatzkammer verlassen, um auf dem Museumsgelände gezeigt zu werden. Zurzeit bereitet der langjährige Direktor des Freilichtmuseums, Professor Dr. Stefan Baumeier, eine Ausstellung über sogenannte „Drei-Schlösser-Truhen“ vor, die im Jahr 2012 gezeigt werden soll. Gemeinsam mit Katharina Schlimmgen-Ehmke und Restaurator Wolfram Bangen sichtet er den Bestand an potenziellen Exponaten. Lange suchen müssen sie dafür nicht: Genauso wie die Bilder sind auch alle anderen Objekte genau erfasst.
Den entsprechenden Überblick hat Sandra Hoeritzsch in der Dokumentationsabteilung des Museums. Dort geht es längst nicht so bunt zu wie im Magazin: Die nüchternen weißen Archivschränke lassen die Vielfalt der gespeicherten Objekte kaum erahnen, doch ein Blick auf die Beschriftung macht sofort wieder deutlich, wie universell die Sammlung ist: „Handtuchhalter – Haube, Kannenwärmer – Kastentruhe“ ist dort zu lesen.
Jedes Stück ist auf einer Karteikarte katalogisiert. Mit Foto und allen relevanten Informationen. „Für uns ist ein Objekt erst dann interessant, wenn seine Geschichte dokumentiert ist“, erläutert die Historikerin den hohen wissenschaftlichen Anspruch des LWL-Museums. Parallel zu den Karteikarten hat auch längst der Computer in der Dokumentation Einzug gehalten. Zurzeit wird an einer Online-Datenbank gearbeitet. Dann ist alles immer „greifbar“. Per Internet zu jeder Zeit und von jedem Ort aus. Und dann können auch die Objekte, die im Magazin schlummern, vor dem Betrachter „glänzen“ – virtuell zumindest.
Info
„Bitte recht freundlich!“
Im Freilichtmuseum steht in der kommenden Saison 2011 die Fotografie im Mittelpunkt. „Bitte recht freundlich!“, lautet das Motto des Themenjahres vom 1. April bis 31. Oktober, in dem sich das größte deutsche Freilichtmuseum der Geschichte des Fotoporträts widmet.
An vielen Stellen auf dem 90 Hektar großen Gelände mit den 115 Gebäuden sowie zahlreichen Gärten, Feldern und Tieren gibt es historische Porträts zu entdecken, die die früheren Bewohner der Häuser zeigen.
Eine kleine Kabinettausstellung widmet sich der Entwicklungsgeschichte des Porträts. Und in der Ausstellungsscheune Westendorf im „Paderborner Dorf“ werden zudem Männerporträts der 30er- und 40er-Jahre aus dem ehemaligen Fotoatelier Kuper in Rietberg präsentiert, das 2010 im LWL-Freilichtmuseum Detmold wieder aufgebaut wurde.







