Seit 1932 bahnt das Martin-Horn Rettungswagen den Durchlass
Lebensrettende Tonfolge
Wenn es lostrompetet, weichen andere Autos zur Seite, huschen Radfahrer weg, bleiben Fußgänger am Bordstein stehen. Schnell entsteht eine freie Gasse für die Einsatzwagen von Feuerwehr und Rettungsdiensten wie Johannitern und Maltesern. Ganz so, wie es das Martin-Horn mit seinem typischen Zweiklang verlangt. Gebaut werden die meisten Hörner bis heute in der Deutschen Signal-Instrumenten-Fabrik Max B. Martin im badischen Philippsburg.
Text: Uta Jungmann
Fotos: Markus Nowak (KNA)
„Keine Tonfolge wird vom menschlichen Ohr besser gehört“, unterstreicht Martin Brender, Geschäftsführer der Deutschen Signal-Instrumenten-Fabrik Max B. Martin in Philippsburg. „Das hat 1932 eine Testreihe unserer Firma mit staatlichen Stellen gezeigt.“ Seither ist gesetzlich festgelegt, dass dieses Signal in Deutschland an Fahrzeugen mit eingebauter Vorfahrt ertönt – und das sind vor allem solche, die Leben retten können. Bis heute baut die badische Firma die durchdringenden Instrumente dafür. Bis zum Zweiten Weltkrieg war sie sogar der einzige Hersteller des Einsatzsignals in Deutschland. Zunächst im Vogtland, wo das Unternehmen seit 1880 seinen Sitz hatte und auch Jagdhörner und Kavallerietrompeten fertigte. Vor allem ihre Kaiserfanfare machte die Firma bekannt: Deren Signal „Bald hier, bald dort“ kündigte ein Fahrzeug der kaiserlichen Familie an. Für die gerade aufkommenden Automobile stellte das Unternehmen früh Hupen her; Hörner für Feuerwehren kamen hinzu, schließlich das Martin-Horn. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Enteignung verlegte der Inhaber die Fabrik nach Philippsburg, wo sie seit 1952 ansässig ist.
Ob in Brasilien oder der Türkei – in zahlreichen Ländern warnt das Signal. Mancherorts jedoch mit anderer Tonabfolge: in der Schweiz etwa mit einer Cis-Folge, die aus der Ouvertüre zu Rossinis Oper „Wilhelm Tell“ stammt. Gleich ist freilich überall der Name – Martin-Horn. Dabei hat die Bezeichnung nichts mit dem rettenden, heiligen Martin zu tun, wie man leicht vermuten könnte. Sie geht vielmehr auf den einstigen Firmeninhaber Max Martin zurück. „Sein Schwiegersohn Fritz Günther war der eigentliche Erfinder des Horns. Er hat den Signalgeber auf die Betriebsweise mittels Autobatterie und Kompressor umgestellt“, berichtet Geschäftsführer Brender. „Doch weil der Name schon eingeführt war, ließ die Firma den Begriff Martin-Horn als Marke schützen.“ Richtig heißt das Signal so bis heute – nur umgangssprachlich ist es durch ein bindendes „s“ zum „Martinshorn“ mutiert.
Draußen, vor dem Firmengebäude in Philippsburg ist noch nichts von den dröhnenden Signalen im Inneren zu hören. Doch wer die Tür öffnet und in einen der täglichen Testläufe hinein gerät, wird vom Lärm umschallt wie an einer Straßenkreuzung in der Großstadt. Doch das stört die Ruhe der Mechaniker wie die von Werkmeister Thomas Rau nicht. Viele Arbeitsschritte sind nötig, bis die lauten Trompeten-Töne aus den Hörnern kommen. Dafür müssen diese im Akustiklabor an Messgeräten genau gestimmt werden. „Drehzahl des Motors, Luftzufuhr – alles muss zueinander passen“, unterstreicht Brender. „Bis die Töne richtig sind.“ Stimmt ihr Klang, bringen Arbeiterinnen noch Schutzkappen an den Hörnern an. Im Verkehr fangen sie Schnee, Steine und Schmutz ab.
Die meisten Martin-Hörner tröten mit vier Schallbechern durch die Straßen. Mit einer Lautstärke von 125 Dezibel, so will es die Norm. Die beiden längeren Hörner lassen dabei das tiefere a erschallen, die zwei kürzeren das hohe d. Weil sich die Hörner für die gleichen Töne in ihrer Länge um wenige Millimeter unterscheiden, entsteht zwischen ihnen eine Tremolo-Spannung. „Die verschiedenen Ober- und Untertöne vibrieren“, erläutert Brender. „So wird nicht nur ein langgezogener Ton wahrgenommen – das verstärkt die Warnung.“
Zugleich wird das Signal schneller gebrochen. Damit lässt sich besser orten, aus welcher Richtung es kommt und Autofahrer können somit auch rascher dem heranfahrenden Krankenwagen ausweichen. Noch weitere Warnsignale stammen aus Philippsburg – etwa die Signaltrompeten, die Eisenbahner bei Schienenarbeiten blasen, oder die Fanfaren. Mit letzteren lässt sich sogar richtig Musik machen – was früh kämpferische Arbeitervereine bei ihren Märschen genutzt haben. Als 1905 eigens Martin-Trompeten mit acht Tönen hergestellt wurden, spielten damit auch Feuerwehrkapellen auf ihren Festen auf. „Schalmeien“ hat der Volksmund diese Instrumente getauft, die bis heute ihren festen Platz in der Guggenmusik und bei den Umzügen der Fastnacht haben. „Musikclowns im Zirkus drücken indes gerne auf Ballhupen“, berichtet Geschäftsführer Brender, „wie man sie aus dem Bergbau kennt.“
Seine Worte werden fast vom Lärm geschluckt, den jäh ein gedehntes Signal in der Fabrikhalle verbreitet. Auf den G-Ton hin lassen die 35 Angestellten ihre Arbeit ruhen. „Unser Zeichen für die Frühstückspause“, freut sich Werkmeister Rau und packt seine Stulle aus.







