Aktuelle Ausgabe
2012-20

Erstes Münchner Ausbildungshotel für benachteiligte Jugendliche

Letzte Chance mit drei Sternen

Der Druck auf Auszubildende wird immer größer: Früh sollen die jungen Menschen sich für den Beruf der Zukunft entscheiden, doch haben sie einmal eine Lehre abgebrochen, sind die Chancen für einen zweiten Versuch oft gleich null. Im Münchner Kolping-Ausbildungszentrum können benachteiligte Jugendliche eine anerkannte Berufsausbildung absolvieren. Kleine Klassen und intensive Betreuung macht die jungen Menschen fit für den ersten Arbeitsmarkt. Hierbei hilft den Jugendlichen die sozialpädagogische Begleitung. Ein Ausbildungskonzept, das bundesweit „Schule“ macht.

Text: Carola Renzikowski

Fotos: Katharina Ebel  

Saure-Gurken-Zeit – und das schon um 10.00 Uhr morgens? Gilles nimmt‘s locker: Lässig hebt er in der Hotelküche den Messergriff an und schiebt die Schneide im gleichmäßigen Takt von sich weg – nur das Handgelenk bewegt sich. „Mein Chef hat mir gezeigt, wie man kraftsparend schneidet“, sagt der 19-Jährige mit dem knallorangenen Käppi. Das hilft ihm jetzt auch bei den sauren Gurken für den Eiersalat: „Wenn man viel schneiden muss, tut sonst schnell der Arm weh“, erklärt der angehende Koch und grinst.

Nach einer abgebrochenen Malerlehre – „die haben mich nicht mehr gebraucht“ – wollte der junge Afrikaner etwas anderes machen. Die Arbeitsagentur vermittelte ihn an das Münchner Kolping-Ausbildungszentrum. Dort können benachteiligte Jugendliche eine anerkannte Berufsausbildung absolvieren; Lehrbetriebe und Berufsschule befinden sich unter einem Dach. In kleinen Klassen und mit intensiver Betreuung sollen sie fit werden für den ersten Arbeitsmarkt.

Seit September lernt Gilles im zweiten Jahr. Betriebe im Hotel- und Gaststättengewerbe, die sich solch schwieriger Klientel annehmen, gibt es auch in anderen Orten und bei anderen sozialen Trägern, etwa in Nürnberg, Veitshöchheim, Paderborn und Berlin. Aber kaum ein Hotel bildet ausschließlich benachteiligte Jugendliche aus.

Mehr als 35000 junge Leute nutzen laut Bundesagentur für Arbeit derzeit die Chance einer Reha-Berufsausbildung – in erster Linie Haupt- oder Sonderschüler, Ausbildungs-Abbrecher, junge Ausländer, Spätaussiedler und Jugendliche in sozialen Nöten. Ziel ist nicht nur, dass sie ihren Abschluss schaffen, sondern eine feste Stelle finden – und dort zurechtkommen. Nicht nur in München sind die Ausbilder stolz auf Vermittlungsquoten zwischen 70 und 80 Prozent.

Im achtstöckigen Hotel St. Theresia im Münchner Norden kümmern sich zwei Ausbildungsleiter und zwei Pädagoginnen herzlich, aber trotzdem mit Nachdruck um ihre derzeit 26 „Reha-Jugendlichen“. Diese wollen Beikoch, Fachkraft im Gastgewerbe oder Hauswirtschaftstechnische Helfer werden. Wie jeder Auszubildende müssen sie ihr Können nach zwei Jahren von der Industrie- und Handelskammer prüfen lassen.

„Unsere Arbeit in den ersten drei Monaten besteht darin, den jungen Leuten erst mal wesentliche Grundlagen beizubringen: dass sie pünktlich zur Arbeit erscheinen oder sich krankmelden, sich ordentlich anziehen und gute Umgangsformen zeigen“, erklärt Ausbildungsleiterin Petra Winter. „Wenn das klappt, legen wir Wert auf eine grundsolide Ausbildung.“ Das Projekt macht es immerhin möglich, dass in Münchens erstem Ausbildungshotel seit vier Jahren Gäste rundum von Auszubildenden verwöhnt werden – vom Empfang bis zum Zimmerservice; und das mit einem Komfort von bis zu drei Sternen.

Cem macht sich um seine Zukunft wenig Sorgen. Derzeit ist er „Frühstücks-Chef“ in St. Theresia. Schick gekleidet in weißem Hemd, dunkler Hose und weinroter Schürze hat der 17-Jährige die Gäste, das Büffet und die Tische stets im Blick. Eindecken, abdecken, bedienen: „Kein Problem“, sagt Cem und lächelt bescheiden: „Ich will gerne mal Barkeeper werden oder Hotelmanager.“ Seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann hat er nach vier Monaten sausen lassen: „Das war mir zu viel Stress.“

Ein Praktikum im Hotelservice gefiel ihm so gut, dass er wieder kam – als Auszubildender. „Darüber sind auch meine Eltern und Freunde froh“, sagt der junge Mann. Punkt 7 Uhr muss er morgens antreten. Seine Arbeit macht ihm Spaß, und er ist bereit, zu investieren. Seit September hat er sich acht Hemden gekauft – „damit ich immer was zum Wechseln habe“. Und wenn er im Eifer nicht sich, sondern einen Gast bekleckert? Petra Winter sieht das pragmatisch: „Jeder, der zu uns kommt, weiß, dass wir unsere Azubis an die Gäste dran lassen. Da kann schon mal was schief gehen.“ Sie und ihr Team legen großen Wert auf individuelle Förderung: „Wir scheren nicht alle über einen Kamm: Wer bereit ist, mitzudenken und eigenverantwortlich zu handeln, darf schneller mehr Verantwortung übernehmen.“

Während Cem einer Stammkundin noch ein spätes Frühstück serviert, sind die fünf Azubis in der geräumigen Küche in Hektik – 16 Personen warten auf ihr Mittagessen. In der viereckigen Riesenpfanne brät Gilles Fleisch und Kartoffelknödel, beim Ablöschen verschwindet er fast in der Dampfwolke. Alexander, der schon als Kind für sich gekocht hat – „meine Eltern hatten keine Zeit“ – hat die Schnitzel fertig paniert und hält die Pommes bereit. Seine Noten seien nicht so gut gewesen, deshalb sei er jetzt hier, sagt der 18-Jährige. Er möchte später „noch den Koch dranhängen“. Das hieße ein weiteres Jahr lernen. Sein Traum: Mal die Passagiere eines großen Kreuzfahrtschiffes bekochen.

Nach dem sehr behüteten ersten Jahr in der Lehrküche ist die Schichtarbeit im Hotelbetrieb für die meisten eine große Umstellung. Im Festsaal haben bis zu 300 Gäste Platz. Außer für Familienfeiern wird das Hotel auch von Eigentümerversammlungen und Tagungsveranstaltern gebucht. „In der Lehrküche durften wir nur leichte Sachen kochen“, sagt Roberto, der jetzt gerne richtig loslegt. Zu Beginn hatte der 21-Jährige allerdings Schwierigkeiten: „Wir haben hier auch oft Spätdienst, selbst am Wochenende – die waren früher immer frei.“

Andere Betriebe würden nicht lange fackeln, wenn ihre Azubis damit nicht zurechtkämen. Die beiden Sozialpädagoginnen telefonieren ihnen hinterher, wenn sie unentschuldigt fehlen, motivieren ihre Schützlinge, die vielleicht letzte Chance zu nutzen, einen Beruf zu ergreifen und für sich sorgen zu können. Aber es gibt Grenzen: Manche lernen erst, zuverlässig zu sein, wenn ihnen das Gehalt gekürzt werde. Das ziehe in den meisten Fällen.

Die Mischung aus Fürsorge und klaren Anforderungen scheint sich zu bewähren. Vielen gelingt es in dieser geschützten Umgebung noch, frühere Defizite wieder aufzuholen, um sich dann „draußen“ bewähren zu können. Ausbilderin Petra Winter berichtet stolz: „Uns kommen immer wieder welche besuchen und erzählen von ihren Erfolgen.“


24.05.2012
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