Aktuelle Ausgabe
2012-20

Vorschlag zu Jesu Aufruf im Evangelium

Lohnt es, sich ein Bein auszureißen?

Das Auge ausreißen, bevor es den Menschen zum Bösen verführt, empfiehlt Jesus sinnbildlich.Foto: panthermedia

Sich das Auge ausstechen, die Hand abhacken, den Fuß abhauen? Besser verstümmelt ins Reich Gottes gelangen, als körperlich unversehrt in der Hölle schmoren? An Deutlichkeit sind die letzten Verse aus dem  Sonntagsevangelium nur schwer zu überbieten. Sie wollen nicht ins Bild vom gütigen Erlöser und seiner Botschaft vom gnädigen Gott passen. Was aber fängt ein Bibelleser heute dann an mit der Aufforderung Jesu zur Selbstverstümmelung und der Androhung ewiger Höllenqual?

von Katharina Klöcker

Die vielleicht folgenreichste Interpretation der Verse hat einer der bedeutendsten christlichen Theologen der frühen Kirche vorgelegt. Origenes (185-254) soll sich nach einem Bericht des Kirchengeschichtsschreibers Euseb von Caesarea aufgrund der Drohworte eigenhändig kastriert haben. Er hatte in der sexuellen Begierde die Sünde erkannt, vor der Jesus warnt, weil der Evangelist Matthäus in seiner Bergpredigt das verführerische Auge und die zur Sünde verleitende Hand auf den Ehebruch bezog. „Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.“ (Mt 5,28-29)
Viele seiner Zeitgenossen zollten dem frommen Asketen Origenes für seine Schriftauslegung mit ihren schmerzhaften Konsequenzen großen Respekt. Dabei gilt ausgerechnet der griechische Kirchenvater als Begründer des sogenannten mehrfachen Schriftsinns, einer Methode, Texte zu interpretieren, die gerade nicht nur die buchstäbliche, sondern auch eine allegorische (sinnbildliche) und eine moralische Auslegung von Bibelstellen favorisierte. Sie blieb das gesamte Mittelalter die vorherrschende Methode der Bibelinterpretation.
Origenes, der die Bibel nicht nur beim Wort, sondern zumindest die Verse aus dem Markusevangelium wortwörtlich nahm, hätte heute wohl kaum noch Bewunderer für seine fromme Tat. Moderne Bibelwissenschaften brandmarken allzu wörtliche Auslegungen der Heiligen Schrift als fundamentalistisch. Fundamentalisten lesen die Bibel, als wäre sie ein vom Himmel gefallenes Buch, als hätte Gott sie dem Evangelisten Wort für Wort ins Ohr diktiert. Vertreter dieser Gruppe wollen nicht erkennen, dass die Texte des Alten und Neuen Testaments von verschiedenen Autoren in unterschiedlichen geschichtlichen und kulturellen Kontexten verfasst wurden. Sie verneinen die Geschichtlichkeit des Buches der Bücher vollkommen.
Dass jeder biblische Text eine Geschichte hat, stellt dagegen die Grundeinsicht der historisch-kritischen Exegese dar. Diese sich in der Neuzeit entwickelnde Methode ist zur Standardmethode christlicher Bibelauslegung geworden, auch wenn sich heutige Exegese längst nicht mehr ausschließlich als historisch-kritische Wissenschaft versteht, sondern sich durch eine bunte Vielfalt an Methoden auszeichnet. Im Kern geht es aber nach wie vor darum, die Aussageabsicht des Verfassers in ihrem historischen, sozialen und kulturellen Kontext zu erforschen. So möchte man dem Sinn des Textes auf die Spur kommen, um ihn für den heutigen Leser zu erschließen.
Wie sind vor diesem Hintergrund nun die aufrüttelnden letzten Verse aus dem neunten Kapitel des Markusevangeliums zu interpretieren? Bibelwissenschaftler unterstreichen eindringlich, dass die harten Forderungen Jesu keinesfalls wörtlich zu verstehen seien, auch wenn Gerichte im Altertum möglicherweise derartige Strafen verhängt haben und so Stichworte für Jesu Formulierungen gaben. Warum aber wählt Jesus so dermaßen drastische Bilder? Vieles spricht dafür, dass er die schockierenden Bildworte, diese fast brutale Anschaulichkeit in einer vor Übertreibung gerade nicht zurückschreckenden Sprache benutzt, um dadurch etwas besonders nachdrücklich von den Jüngern zu fordern.
Demonstrieren lässt sich die Art und Weise, wie solche drastischen Bilder funktionieren, an folgendem Beispiel: Ein Lehrer maßregelt einen Schüler mit den Worten, dass er ihm „den Hals umdrehen“ werde, wenn er noch einmal handgreiflich gegenüber einem Mitschüler werde. Dass der Lehrer mit seinen Worten keine konkrete Mordabsicht bekundet, ist genauso klar wie die eigentliche Botschaft: Es reicht, und zwar endgültig. Die drastische Formulierung soll dem Schüler den Ernst der Lage bewusst machen und ihn endlich zur Einsicht bringen. Auch die Androhung, jemanden „auf den Mond zu schießen“, dürfte keine Reservierungsanfrage bei der Nasa nach sich ziehen.
Auf dieselbe Weise können auch die harschen Worte Jesu verstanden werden. So schockierend die Bilder vom Abschlagen der Glieder sind, so zentral ist die Botschaft, die Jesus seinen Jüngern geben will: Sie sollen dem Bösen so energisch wie möglich widerstehen. Das bedeutet aber auch, dass ein Christ sich von allem befreien soll, was ihn an der Gemeinschaft mit Gott hindert. In jedem Einzelfall wird das etwas anderes sein. Der Christ kann also ruhigen Gewissens Augen, Hände und Füße behalten, so lange er nur bereit ist, sich gegen das Böse zur Wehr zu setzen – und sich dafür immer mal wieder „ein Bein auszureißen“.


24.05.2012
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