Viele suchen im Fastenseminar den Weg zu sich selbst
Manager werden zu Asketen auf Zeit
Eine ungewöhnliche Stille liegt über den Tischen. Nur das Klimpern der Löffel, die den Honig in den Teetassen verrühren, klingt durch den Raum. Niemand spricht ein Wort. Verlegenes Lächeln macht sich im Gesicht von Anke breit. Ein wenig erinnert die Atmosphäre bei diesem Fastenfrühstück im Gästehaus des Klosters Münsterschwarzach an die Spannung während einer Klassenarbeit.
von Harald Oppitz (KNA)
Anke Schallenberger muss schmunzeln. „Diese Stille bei 30 Leuten zum Frühstück hat ja schon fast etwas Beklemmendes“, meint die Vertriebsmitarbeiterin. In ihrem Beruf müsse sie ständig telefonieren. Da sei sie es nicht gewohnt, ein paar Tage einfach mal gar nicht zu reden. „Die Hektik bei der Arbeit ist oft so groß, dass ich zu Hause erst einmal Radio oder Fernsehen anschalte, weil ich sonst die Ruhe gar nicht ertrage.“ Während des Frühstücks fällt ihr auf, wie viel Lärm ihren Alltag prägt.
Einem Kurskollegen geht es ähnlich: „Auf Essen verzichten ist für mich kein Problem, aber mit dem Schweigen hab ich noch keine Erfahrung.“ Solche Sätze bekommt Pater Anselm Grün am Beginn seines Seminars oft zu hören. Für ihn sind diese Zeiten der Stille aber wesentliches Element seiner Fastenkurse: „Das Fasten unterscheidet sich ja von einer Diät vor allem dadurch, dass es immer eine religiöse Bedeutung hat“, betont der Benediktiner.
Für Christen sei die Fastenzeit die innere Vorbereitung auf Ostern. „Fasten ist mehr als nur das Abnehmen – es ist einfach ein Weg in die innere Freiheit, aber zugleich auch eine Konfrontation mit der eigenen Wahrheit“, hebt Pater Anselm hervor. Nüchtern ist der Raum, in dem die 30 Asketen auf Zeit zusammengekommen sind. Die Wände sind kahl, eine Kerze brennt inmitten des Stuhlkreises, ein schlichtes blaues Tuch ist unter eine Blumenvase gelegt.
Erwartungsvoll sitzen die 30 Teilnehmer im Kreis und schauen auf den Pater mit den wirren grauen Haaren und dem langen Bart. Pater Anselm macht keine großen Worte. Auf seinem Meditationsschemel sitzend lädt er einfach nur ein, zur Ruhe zu kommen und beim Gebet auf den Atem zu achten: „Beten Sie beim Einatmen Herr Jesus Christus und beim Ausatmen dann Sohn Gottes, erbarme dich meiner. Lassen Sie die Worte einfach fließen – Sie brauchen nicht darüber nachzudenken, sondern lassen Sie Ihren eigenen Gedanken Raum.“ Es folgen 20 Minuten gemeinsames Schweigen, um sich danach zurückzuziehen. Bis zum nächsten Treffen heißt es: Alleine sein. Schweigend.
Zu Beginn war Anke das Tempo des Seminars viel zu langsam. „Ich hatte wohl die Hast des Alltags noch in mir stecken.“ Doch schon am zweiten Tag kehrte Ruhe ein. „Sie lassen einen viel mit sich alleine. Also fragte ich mich, ob ich mir nicht selbst mal Gesellschaft leisten will.“ Auch Thomas Diepenbrock kam „noch völlig unter Strom“ in die Abtei. Ganze drei Tage habe es gedauert, bis er den Alltag hinter sich lassen konnte.
Der Versicherungsmakler hatte sich aus Lingen in Niedersachsen aufgemacht, um Gott in sich wiederzufinden: „Bei all den Anforderungen in Beruf und Freizeit wird doch die Beziehung zu Gott völlig überlagert.“ Die Sehnsucht nach der Intensität früherer Gotteserfahrungen brachte ihn hinter die Klostermauern: „Ich habe mich sozusagen selbst in die Wüste geschickt.“
Aus dem ganzen deutschsprachigen Raum kommen die Fastenwilligen nach Münsterschwarzach. Pater Anselm will seine Kursteilnehmer gleich nach der Ankunft auf eine innere Reise schicken. Und dazu sollen sie viele Faktoren der Ablenkung einmal für ein paar Tage ausschalten: Mobiltelefone, Fernseher, aber auch das gewöhnliche Essen, Trinken und Reden. „Wenn wir unzufrieden sind, decken wir das oft vordergründig mit Essen, einem Stück Schokolade oder anderen Belohnungen zu“, weiß der Fastenprofi.
„Den Grund für unser Verlangen nach solchen Belohnungen überdecken wir so aber nur, anstatt uns einmal zu fragen, was denn mit uns nicht stimmt.“ In den knapp fünf Tagen haben die Kursteilnehmer die Möglichkeit, sich auf den Weg zu sich selbst zu machen: Ohne Lärm von außen entdecken viele schon bald die Stimme ihres Inneren – was nicht immer nur nett ist.
Doch der immer freundlich blickende Pater will seinen Schützlingen die Angst vor sich selbst nehmen: „Jeder von uns hat doch ein paar dunkle Ecken in seinem Herzen.“
Jetzt sei die Chance, diese einmal zu entdecken. „Dieser erste Schritt wird nicht immer angenehm für Sie sein.“ In begleitenden Einzelgesprächen erfährt der Seelsorger immer wieder von der harten Selbstkritik seiner Teilnehmer bei der inneren Standortbestimmung: Wo stehe ich, was wollte ich aus meinem Leben machen – und was davon habe ich tatsächlich erreicht? Und plötzlich erhält die sonst so sanfte Stimme des Benediktiners einen mahnenden Klang: „Ganz wichtig ist dann aber: Richten Sie nicht über sich und Ihre Fehler. Seien Sie barmherzig mit sich selbst!“
Als biblisches Beispiel dient Pater Anselm der Prophet Elija, dessen große Lebensstrategie zerbricht. Er flieht in die Wüste, um zu sterben. Doch dort begegnet ihm Gott – nicht im tosenden Sturm, sondern in einem leisen Säuseln. Wenn also selbst der größte Prophet von Krisen erschüttert wird, so Pater Anselm, dann kann sich jeder den eigenen Fehlern stellen.
Die stille Gemeinschaft hilft auch über die kritischen Momente des Fastens hinweg. Durch den radikalen Essensverzicht stellen sich mitunter Kopfschmerzen ein. „Und dann sieht man die anderen, wie auch sie damit kämpfen“, hat Anke erfahren und dadurch die Kraft zum Weitermachen bekommen.
Als eine Frau ans Abbrechen dachte und dies in der Runde verkündete, kümmerten sich die übrigen Teilnehmer mit leisen Aufmunterungen um sie. Anke: „Da wurde das mit dem Schweigen dann auch mal nicht so strikt gesehen, das war richtig toll!“ Und: Die Frau hat durchgehalten.







