Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Mehr-Wert im Leben suchen

Pfarrer Reinhard Bürger ist Leiter des Pastoralverbundes Derne-Kirchderne-Scharnhorst in Dortmund

Es bleibt eine grundsätzliche Frage für die Menschen, wie sie denn alles richtig machen können, um denn irgendwann das Himmelreich zu erlangen. Auch im Evangelium an diesem Sonntag dominiert diese Frage an Jesus.

von Reinhard Bürger

Was muss ich tun, um vor Gott bestehen zu können? Ich habe noch ein Gespräch im Ohr, das ich vor einigen Tagen geführt habe. Eine ältere Person, die ihr ganzes Leben lang sehr bewusst versucht hat, als Christ in lebendiger Beziehung zu Gott zu leben, spürt plötzlich, dass das alles nicht mehr passt. Das Erfüllen der gängigen Gebote ist noch das Geringste, aber die persönliche Beziehung zu Gott ist schwer geworden. Wie dieser Person, so geht es vielen Christen. Sie sehen sich mit der Frage konfrontiert: Was macht eigentlich mein Christ-Sein wirklich aus, außer dass ich vielleicht pünktlich meine Kirchensteuern zahle? Was muss ich tun?
Ich bin sehr froh, dass ich bisher in meinem Leben und in meiner pastoralen Arbeit zahlreiche Menschen getroffen habe, die sich diese Frage sehr ernsthaft stellen. Es sind Menschen, die sich in Kirchengemeinden und Projekten für die Gemeinschaft oder für bestimmte Ideen einsetzen, mit ihrer Zeit und oft auch mit viel eigenem Vermögen, oft mit ihrer ganzen Kraft, und das neben einer beruflichen Tätigkeit oder dem Leben in Familie. Diese Menschen stärken meinen eigenen Glauben. Es gibt unendlich viel Einsatz für andere, dafür empfinde ich hohen Respekt.
Ich habe auch große Hochachtung vor dem Mann, der Jesus die Frage stellt, wie sein Leben aussehen kann. Er gibt sich nicht damit zufrieden, stur die Gesetze zu befolgen, sondern er hinterfragt ihren Sinn. Er fragt nach dem „Mehr-Wert“ des Glaubens. Auch seine Trauer ist mir sehr sympathisch, weil sie auf seine inneren Kämpfe hinweist. Er ist kein Enthusiast, der spontan eine weitreichende Lebensentscheidung trifft. Es ist ein Mensch, der mit seinen inneren Konflikten weiterleben muss. Solche Situationen sind mir vertraut, aus manchen seelsorglichen Gesprächen und aus meiner eigenen Seele.
Die Begegnung des reichen Mannes mit Jesus findet kein „Happy End“: Jesus zeigt gegenüber den Jüngern seine Enttäuschung und der Reiche muss mit einer Frage weiterleben, auf die er keine Antwort findet. Von ihm hören wir im Evangelium später nichts mehr. Wird er irgendwann seine Antwort finden? Wird es ihm gelingen, sich von etwas zu trennen, um frei zu werden für etwas Neues, etwas Größeres? Wird es ihm gelingen, einmal in seinem Leben an den Punkt zu kommen, wo er ganz frei ist für Gott, wo er ganz im Reinen ist mit sich?
Viele engagierte Zeitgenossen kommen an den Punkt, wo sie sich diese Fragen stellen: Ist das, was ich tue, eigentlich richtig? Gibt es nicht noch andere Perspektiven, die ich noch nicht gesehen habe? Lebe ich eigentlich so, wie es mir und meiner Persönlichkeit entspricht? „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“, so hat es Augustinus ausgedrückt.
Jesus lässt den Mann mit seiner unerfüllten Sehnsucht wieder gehen, er kann ihm in diesem Moment die Entscheidung nicht abnehmen und versucht auch nicht, ihn zu überreden. Er übt keinen Druck aus und lässt ihm alle Freiheit, auch wenn er ihn sehr einfühlsam bedauert. Aber er nutzt diese Erfahrung, um von Gott zu sprechen. Steht am Anfang dieser Begegnung die Frage: „Was muss ich tun?“, so schließt die Erzählung mit der Aussage „Für Gott ist alles möglich“. Wo die menschliche Kraft nicht ausreicht, mit sich selbst ins Reine zu kommen und au-thentisch zu leben, da greift das Vertrauen in den Gott, der größer ist als Gesetze und alles Tun. Ich kann spüren, dass ich nicht der einzig Aktive bin.
Die Möglichkeiten Gottes greifen da, wo unser Suchen offenbleibt und wo wir mit unserer Entscheidung zögern.


24.05.2012
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