Aktuelle Ausgabe
2012-20

Christkönig: Die ganze Menschheit Jesus geweiht

Menschen hatten Gott vergessen

König sein. Das geht heutzutage nur noch im Karneval.Foto: kna

Europas Monarchien haben abgedankt, aus den Trümmern des Ersten Weltkrieges erheben sich gottlose Ideologien und Regime, die katholische Kirche erlebt offene Feindschaft. Wie soll ein Papst reagieren? Er propagiert eine Idee, die aus privater Frömmigkeit heraus das Zeug hat zu politischer Opposition: Der friedlosen Welt empfiehlt er den König Christus und widmet ihm eine eigene Feier. So entstand das, was wir an diesem Sonntag feiern, das Fest Christkönig.

von Roland Juchem

Als der Erzbischof von Mailand, Achille Ratti, im Jahr 1922 als Pius XI. den Stuhl des Petrus besteigt, legt er schon in seiner ersten Enzyklika „Ubi arcano“ sein Programm vor: Ganz auf der Linie seiner Vorgänger Pius X. und Benedikt XV. ruft er auf zur Errichtung des Friedens Christi und zur Einsetzung seines Reiches.
Zugleich geißelt der gebürtige Norditaliener die Irrwege des Nationalismus. Zwar sei Vaterlandsliebe aus christlicher Sicht etwas Gutes; sie verkehre sich aber zu Ungerechtigkeit und Sünde, wenn sie in übermäßigen Nationalismus ausarte. Pius ahnt und sieht, wohin es führt, wenn Nationen oder Klassen der einen Menschheit sich gegeneinander wenden.
Der Erste Weltkrieg und das folgende Elend rühren daher, dass die Menschen Gott vergessen haben. Also soll das Reich Christi in der Gesellschaft „eingesetzt“ werden. Dabei sollten Kleriker und Laien sich für die Umsetzung christlicher Werte in der Gesellschaft engagieren.
Um den Abfall der Völker und Gesellschaften vom christlichen Glauben wiedergutzumachen, hatte bereits Pius’ Vorgänger Leo XIII. „die ganze Menschheit dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht“. Pius greift die Idee auf und verkündet am 11. Dezember des heiligen Jahres 1925 in seiner Enzyklika „Quas primas“ ein neues Kirchenfest: das Christkönigsfest.
Erstmals wird dieses neue Herrenfest am letzten Tag des heiligen Jahres gefeiert, ab 1926 dann am letzten Sonntag im Oktober, bevor dem König der Welt am 1. November alle Heiligen folgen. Unter Paul VI. wird das Fest auf den letzten Sonntag im Jahreskreis verlegt und erinnert heute stärker an Christus, der am Ende der Zeit wiederkommt.
Pius’ Einsatz für den Frieden Christi unter den Völkern zeigte sich auch in seiner Politik den totalitären Systemen seiner Zeit gegenüber. 1929 unterzeichnete der Apostolische Stuhl mit dem faschistischen Italien unter Benito Mussolini die Lateranverträge. Damit wurde der seit 1870 herrschende Streit zwischen dem Papst und Italien beendet und der heutige Vatikanstaat gegründet. Nur zwei Jahre später aber, nach scharfen Kontroversen um ein Staatsmonopol der Jugenderziehung, verfasste Pius XI. eine Enzyklika gegen die heidnische Vergottung des Staates durch die faschistische Ideologie.
1933 nutzte der Papst ein Angebot der neuen Regierung in Berlin unter Adolf Hitler für ein Konkordat mit dem Deutschen Reich; er wollte so der Kirche dort mehr Sicherheiten geben. Doch auch dabei wurden seine Friedenshoffnungen enttäuscht: Vier Jahre später, im März 1937, griff Pius in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ die NS-Ideologie an. Und richtete wenige Tage später in einer weiteren Enzyklika seinen Bannstrahl gegen den gottlosen Kommunismus, dem der Norditaliener aus wohlhabender Familie von Anfang an feindlich gegenüberstand.
In diesen Jahren wird das Christkönigsfest, eng verbunden mit der im 19. Jahrhundert erstarkten Herz-Jesu-Frömmigkeit, ein Fest privater Frömmigkeit mit politischer Signalwirkung. Die Pariser Katholiken feiern es 1926 mit großem Pomp hoch über der französischen Hauptstadt in Sacre Cœur, kurz nachdem die Regierung die von Pius XI. geförderte „Action catholique“ verboten hatte. Am Christkönigsfest 1934 demonstrierten 10 000 junge Pariser Katholiken für Christkönig.
Die ursprünglichen liturgischen Texte des Festes schwanken zwischen Stolz und Demut. So heißt es in einem Gebet unter anderem: „Wir, die wir stolz sind, unter der Fahne des Christkönigs zu kämpfen, mögen wir mit ihm im Himmel regieren ...“. Christus König hätte also zur Leitfigur einer militanten katholischen Guerilla werden können.
Verhindert wurde eine solche Entwicklung wohl zum einen durch die Art, wie bereits die Bibel von Jesus als König spricht. Dort ist er gefesselt und steht gewaltlos vor Pilatus, seine Herrschaft ist sanft und sein Reich nicht von dieser Welt. Daher betete der Priester am Christkönigssonntag auch für den Weltfrieden und die Gnade, „sich der sanften Macht Christi zu unterwerfen“.
Zwischen Europas abgewirtschafteten Königreichen und der großen Skepsis gegenüber Demokratie und Moderne war „die Spiritualität des Christkönigs, die über alle Messbücher verbreitet wurde, die einer belagerten Zitadelle“, formuliert der französische Historiker Florian Michel. „Sie ähnelte dem letzten Ehrengefecht der Christenheit gegenüber der modernen Welt.“
Dennoch wurde die Idee des Christkönigs zunächst eine wichtige katholische Gegen-ideologie. „Für wen sollten sich katholische Christen sonst hergeben“, fragt Michel, „für Mussolini, Franco, Hitler, Stalin oder den Völkerbund?“ In Deutschland entwickelte sich rund um Christkönig eine Gegenideologie zum Nationalsozialismus.
Nachdem die Nazis das verpflichtende Reichssportfest auf den Sonntag nach Pfings­ten verlegt hatten, der bis dahin katholischer Bekenntnistag der Jugend war, wurde der Christkönigssonntag zum neuen Bekenntnistag. Kurz nach Schaffung des Christkönigsfestes erhielten mehrere Kirchen dieses Patrozinium so wie auch in Menden, Bielefeld oder Marsberg.


24.05.2012
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