Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Menschenfischer mit offenen Armen

Pfarrer Ludger Hojenski ist Leiter des Pastoralverbundes Dortmund-Aplerbeck.

Jesus hat auch uns durch Taufe und Firmung berufen, Menschenfischer zu sein. Um erfolgreich zu sein, braucht es dazu offene Arme, die auffordern und einladen. Das meint Pfarrer Ludger Hojenski in seinem Beitrag.

von Ludger Hojenski

Als wir noch Kinder waren, war manches kinderleicht: Ein Kinderspiel sozusagen. An eines erinnere ich mich besonders gerne. In unserer Wohnung gab es einen langen Flur: Am einen Ende stand unsere Mutter oder unser Vater – am anderen Ende eines von uns Kindern. Dann die alles entscheidende Frage: „Wer kommt in meine Arme?“ Da gab es kein Halten mehr – so schnell wie wir nur eben konnten, rannten wir durch den ganzen Flur voll Freude in die weit geöffneten Arme unserer Eltern. Wenn wir das Ziel erreicht haben, haben sie uns umschlossen, gehalten und dann wieder ziehen lassen. In der Umarmung haben wir das Leben und die Liebe gespürt. Ein Spiel, das wir wieder und wieder spielen konnten.
Für uns als Erwachsene geht es nicht mehr kinderleicht. Nicht jedem, der uns ruft, werden wir gleich in die Arme laufen. Wir sind da vorsichtiger, berechnender, abwartender geworden. Auch die Fischer am See von Gennesaret laufen nicht sofort los:  So ist dieses Evangelium eine Berufungsgeschichte ganz eigener Art. Sie verbindet in den Versen 4-7 das wunderbare Geschehen eines überreichen Fischfangs (vgl. Joh 21, 1ff.) mit der Berufungsgeschichte der ersten Jünger. Jesus kennt das Fischerhandwerk so gut, das er Anweisungen geben kann: „Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!“ Während er am Anfang des Satzes einen einzelnen anspricht („Fahr“), ist der zweite Teil an alle gerichtet („werft“). Das Netzauswerfen kann zur Not einer allein bewerkstelligen. Ein solches Schleppnetz, wie es die Fischer auf dem See Gennesaret benutzten, einzuholen braucht viele Hände auf einmal. Fischer sein heißt, im Team arbeiten zu können.
Indem diese Fischer das übervolle Netz einholen, wird ihnen bewusst: Wo Jesus ist, ist das Leben. Keiner wird allein gelassen – Jesus gibt allen die Lebensgrundlage. In der Apostelgeschichte gibt Petrus Jesus den Titel „Anführer des Lebens“ (Apg 3,15). Mit dem übervollen Netz in den Händen wird den Jüngern klar, dass sie diesen Anführer des Lebens vor sich stehen haben. Vor der Größe des Gottessohnes macht sich Petrus ganz klein: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder.“ Jesus nimmt ihm durch seinen Zuruf „Fürchte dich nicht!“ die letzte Unsicherheit und Angst. Der Anführer des Lebens befreit zum Leben.
„Wer kommt in meine Arme?“ So deutlich hat Jesus es nicht gerufen – aber das Geschehen ist doch sehr ähnlich. Die Jünger lassen auf sein Wort hin alles stehen und liegen, wenden sich ihm zu, folgen ihm nach. Ihr Beruf wird zur Berufung: Aus Fischern werden Menschenfischer. Das Netz, das sie nun auswerfen werden, ist das Netz der Beziehung zum lebendigen Gott in der Gemeinschaft von Glaubenden. Es soll nicht fangen, sondern tragen. Menschenfischer geben keinen verloren. Menschenfischer geben Menschen Kraft zum Leben. Durch unsere Taufe und erst recht durch die Firmung sind wir auch zu Menschenfischern geworden. Fürchten wir uns nicht! Die Haltung eines Menschenfischers sind offene Arme: auffordernd und einladend. Sie findet sich für mich in hervorragender Weise in jenem altchristlichen Gebet, in dem es heißt:
Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.
Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest.
Wir sind Gottes letzte Botschaft, in Taten und Worten geschrieben ...


24.05.2012
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