Gemeindeentwicklung im Blickpunkt
Menschenwerk oder Gottes Weg?
Wenn Martin Wrasmann einen Termin bei einem Pfarrgemeinderat hat, dann geht es fast immer um ein einschneidendes Thema: Veränderung von Kirchengemeinden. Kurz gesagt: Er muss den Gemeinden vermitteln, dass sie mit ihren Nachbargemeinden zu einer großen Einheit verschmelzen. Martin Wrasmann ist Referent für Weiterentwicklung pastoraler Strukturen im Bistum Hildesheim. Sein Auftrag ist es, in Gemeinden Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Und dazu gehört es auch einmal, dem einen oder anderen „Pharisäer“ in der Gemeinde die eigenen Gebote um die Ohren zu hauen.
von Ulla Evers
Die einen beklagen, dass in diesen zwangsweisen Veränderungen Gemeindeleben zerschlagen werde, das jahrzehntelang Gültigkeit hatte. Dem jubeln andere zu, dass endlich die Kirche am Kern ihrer Botschaft angelangt sei. So könne sie mit wenigen, wahrhaft treuen Christen, in die Zukunft gehen. Beide Haltungen helfen nicht, so Martin Wrasmann, um sinnvoll Kirche in unserer Gesellschaft zu gestalten. Der engagierte Theologe: „Konservative Kräfte in den Kirchengemeinden wollen am Bestehenden festhalten, weil sie befürchten, dass Messen aufgegeben, Kirchorte zerstört und religiöse Heimat verlassen wird. Dagegen gibt es aus meiner Erfahrung den berechtigten Verdacht, dass die Krise der katholischen Kirche spirituell überhöht wird.“ Haltungen, die durchaus mit denen der Pharisäer vergleichbar sind. Denn auch die Gelehrten des Neuen Testamentes wollten mit der Einhaltung von Gesetzen nicht unfrei machen. Sie verstanden die Gebote als Hilfe, das zu erhalten, was sich als gut und sinnvoll für das Volk Israel erwiesen hat.
„Die Überlieferung der Alten“ wie es das Evangelium sagt, könne so in die Gegenwart übersetzt werden: Bewahrt die Sonntagsmessen zu komfortablen Zeiten, auswählbar, so, dass möglichst viele kommen können. Genau so den Pfarrer vor Ort, kurze Wege zur Kirche, engagierte Ehrenamtliche in Katechese und Gremienarbeit. „Die Überlieferung der Alten“ könne aber ganz anders gedacht auch bedeuten: Seht in der gegenwärtigen Krise eine Chance. Der heilige Rest ist jetzt dafür da, den Kern der christlichen Botschaft hochzuhalten. Konservatives Beharren gegen spirituelles Schönreden.
Anlass für Veränderungen sind nackte Zahlen: Priestermangel, Personalmangel, Geldmangel. Inhaltlich beschreibt Wrasmann die Krise so: „Gemeinden mangelt es an qualitativer Potenz, und die Kirche insgesamt leidet an Bedeutungsmangel.“ Harter Tobak, der nach neuen Konzepten schreit. Doch dann wäre es wieder so wie bei den Pharisäern, die Regeln aufstellen, die unbedingt und für alle gültig sein müssen. Das Bistum Hildesheim will seinen Kirchengemeinden deshalb keine fertigen Lösungen anbieten. Vielmehr nimmt es sich die Kundschafter aus dem Buch Numeri zum Vorbild. Die sind ausgesandt, das verheißene Land zu erkunden. Sie berichten von den paradiesischen Lebensbedingungen in Kanaan. Und trotzdem dauerte es bekanntermaßen noch viele Jahrzehnte, bis das Volk Israel es wagte, das ersehnte Land zu betreten. Wrasmann zitiert gerne einen Kollegen, der sagt: „Die Gemeinden müssen über den Jordan gehen.“ Doppeldeutig, weil schmerzhaft und gleichzeitig verheißungsvoll. Hinterm Jordan lag für das Volk Gottes gelobte Land.
Wenn der Referent aus Hildesheim mit Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen spricht, konfrontiert er sie mit klaren Worten: „Wenn wir heute Abend über die Weiterverwendung des Pfarrhauses oder dem Festhalten an allen Messen sprechen wollen, dann sollten wir jetzt alle nach Hause gehen. Solche Gespräche bringen nichts.“ Denn darüber wollen die meisten Gremien mit den Verantwortlichen im Bistum reden, so die Erfahrung Wrasmanns. Fruchtbarer sei der klare Blick auf die Realität. Natürlich gebe es in vielen Gemeinden noch Gottesdienstbesucher und zeitweise die Erfahrung von vollen Kirchen. Aber wieviel Messen seien schon zusammengestrichen worden? Oder was ist mit den Erstkommunionkindern, von denen eine Woche nach dem großen Fest keiner mehr der Einladung zur Messdienergruppe folgt? Der Theologe gibt den Gremien eine Sehhilfe, ihre Situation mit allen Brüchen ansehen zu können.
Gleichzeitig öffnet Wrasmann die Augen für neue Perspektiven. Er ist überzeugt: „Die Katecheten zum Beispiel sind nicht Schuld daran, dass Erstkommunionfamilien nach dem großen Fest verschwinden. Sie haben gute und redliche Arbeit geleistet.“ Aber er fragt die Gemeinden an, ob sie konkret nach der Lebenssituation von Familien in ihrer Mitte gefragt haben und auch nach deren Bild von Gemeinde. Denn das sei ein fruchtbarer Weg in der Pastoral: Danach fragen, „was ich mit dem Herzen des Glaubens um mich herum sehe“. Martin Wrasmann: „Pfarrgemeinden in größeren Räumen sollten sich nicht die Frage stellen: Wie machen wir aus Finanz- und Personalmangel, Finanz- und Personalfülle? Sondern es muss um die Behebung eines viel tieferen Mangels gehen: Wie können unsere Gemeinden Orte kommunizierbarer Gotteserfahrung werden?“ Gottes- und Nächstenliebe als untrennbare Herzensangelegenheit der Gemeinden. Das greift die Frage Jesu auf: Was kommt aus euren Herzen? In den Gemeinden erlebt der Hildesheimer Referent Offenheit, wenn es um die spirituelle Dimension der Veränderungsprozesse geht. Alles Anfänge und viele Fragen, die Gemeinden auf einem neu eingeschlagenen Weg begleiten. Aber das Volk Israel hat auch lange mit sich gerungen, den Weg ins gelobte Land zu gehen.







