Aktuelle Ausgabe
2012-5

Seit 125 Jahren baut die Kevelaer Firma Seifert Orgeln

Moderne Technik ist nur ein schönes Extra

Als die Orgel der Marienbasilika in Kevelaer 1907 eingebaut wurde, war sie die größte des deutschen Kaiserreichs. Und noch heute beeindruckt sie mit ihrer imposanten Erscheinung und einem gewaltigen Klang ganze Heerscharen von Pilgern, die während der Wallfahrtssaison Kevelaer besuchen. Gebaut wurde die Orgel gleich nebenan: ein Besuch bei den Klangliebhabern vom Niederrhein.

Text: Guido Krawinkel 

Fotos: Wolfgang Radtke 

Wenn Roman Seifert an seine Lärchen denkt, gerät er ins Schwärmen. „Das ist schön gewachsen, das macht Musik“, sagt er über das Holz aus dem österreichischen Laternsertal, das er in seiner Orgelbauwerkstatt viel verwendet. Die Liebe zum Material und zu seinem Beruf ist bei ihm mit jedem Wort zu spüren. Das fängt bei den verwendeten Materialien an und hört bei den fertigen Instrumenten nicht auf. Er freue sich jedes Mal, so Seifert, wenn er Instrumente aus seiner Werkstatt besuchen kann.

Eines der Prominentesten steht nur wenige Meter entfernt von dem direkt an der B9 liegenden Firmengelände im niederrheinischen Kevelaer, unweit der niederländischen Grenze in der Nähe von Kleve. An der Westwand der farbenprächtig ausgemalten Kirche thront das größte Ins-trument, das jemals die Werkstatt verlassen hat: 135 Register hat die Orgel der päpstlichen Marienbasilika derzeit. 1907, in ihrem Erbauungsjahr, war sie die größte Orgel des deutschen Kaiserreiches. Und auch in Zeiten, in denen solche Zahlen rekordverwöhnten Zeitgenossen nur noch ein müdes Schmunzeln entlocken, beeindruckt sie mit ihrer imposanten Erscheinung und einem gewaltigen Klang ganze Heerscharen von Pilgern, die während der Wallfahrtssaison in das beschauliche Kevelaer einfallen.

Dass die Werkstatt heute ihren Sitz an dieser Stelle hat, ist alleine einem Umstand zu verdanken: Eine der Bedingungen für die Vergabe des Auftrags an Seifert war, eine Zweigstelle in Kevelaer einzurichten. Gegründet wurde die Firma 1895 durch Ernst Seifert in Köln. Zwischenzeitlich gab es insgesamt drei Betriebe mit dem Namen Seifert, doch seit 1981 hat man sich ganz auf den Standort Kevelaer konzentriert.

Das Startkapital für die Gründung seiner Firma vor 125 Jahren hatte Ernst Seifert durch den Verkauf eines Patentes für ein neuartiges Windladensystem erlangt, bei dem die Luft für jede Pfeife nicht mehr durch eine mechanische Apparatur freigegeben wird, sondern durch kleine Membranen aus Leder, die durch ein verzweigtes System aus Luftröhren angesteuert werden. Industrialisierung hieß damals auch im Orgelbau die Devise. 

Der technische Fortschritt machte auch vor einem so traditionellen Gewerbe wie dem Orgelbau nicht halt.

Das hat sich deutlich geändert. „Es hat sich ein gewisser Paradigmenwechsel vollzogen“, so Seifert. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sein Großvater noch in kürzester Zeit viele Instrumente produzieren, was seiner und anderen Firmen nicht immer den besten Ruf eingebracht hat. Doch das ist Geschichte. Was heute zählt, sind Tradition und Qualität. „Die Instrumente, die wir heute bauen, sind nicht mit denen vergleichbar, die wir noch vor 50 Jahren gebaut haben“, sagt Seifert, der die Firma seit seinem Einstieg im Jahr 2000 komplett umgekrempelt hat.

Die Instrumente, die die Werkstatt verlassen, sind wieder nach den bewährten Handwerksprinzipien gebaut, die schon die alten Meister angewendet haben. Das Bauen mit Massivholz etwa gilt als Standard. Das sei für ihn auch eine Frage der Ästhetik, so Seifert. „Heutzutage kann man eine Geige auch aus Carbon nachbauen, die hat dann die gleichen physikalischen Eigenschaften wie das Original, aber es ist eben nicht so ästhetisch.“ Sein persönliches Schlüsselerlebnis hatte er, als er den Nachbau einer Arp Schnitger-Orgel aus dem
17. Jahrhundert besichtigte. „Da ist mir das Orgelbauerherz aufgegangen. Danach haben wir uns neu erfunden.“

Jetzt machen die Kevelaerer Orgelbauer wieder vieles selber, etwa Metallpfeifen. Rund 30 Arbeitsschritte braucht es, bis eine Pfeife fertig ist. Egal, ob sie nur wenige Millimeter oder zehn Meter lang ist – die Sorgfalt, mit der die Orgelbauer den aus einer Legierung von Zinn und Blei bestehenden Pfeifenkörper behandeln, ist stets dieselbe. Die kostbaren Einzelstücke werden dabei nicht nur sprichwörtlich mit Samthandschuhen angefasst, um Fingerspuren und Schäden durch aggressiven Schweiß zu vermeiden. Auch kleine Mechanik-Teile werden in der eigenen Werkstatt gefertigt: von einem einfachen Winkel, der für eine möglichst direkte Verbindung von Tasten und Pfeifen benötigt wird, bis hin zur Windlade, auf der die Pfeifenreihen stehen.

Das rechne sich für seinen Betrieb mit derzeit 32 Beschäftigten durchaus, so Seifert. „Unsere Größe erlaubt ein wirtschaftliches Arbeiten.“ Alleine vom Neubau kann jedoch keine Orgelbauwerkstatt mehr leben. Ein Neubau ist gleichsam die Kür; der Erhalt eines Betriebes indes wird durch die Wartung und das Stimmen bestehender Instrumenten gesichert, für die zumeist langjährige Verträge bestehen.

War der Bau der großen Orgel in der Kevelaerer Marienbasilika ein erster Höhepunkt in der damals noch recht jungen Firmengeschichte, steuert man derzeit auf einen weiteren zu: die Fertigstellung der neuen Hauptorgel des Speyrer Domes. Eine neue Chororgel hat man dort schon 2008 gebaut, 2011 soll die neue Hauptorgel fertig werden. Beide Instrumente werden dann auch zusammen spielbar sein mittels eines besonderen, computergestützten Systems, das derzeit für Furore in der Orgelwelt sorgt.

Da ist sie dann wieder, die moderne Technik. Doch für Seifert ist sie nicht mehr als eine schöne Zutat. Schöne Orgeln muss man trotzdem bauen. „Die nächste Orgel ist die nächste Referenz“, definiert er seinen Anspruch und hat weitere Projekte schon im Blick.


07.02.2012
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