Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Murren aus fehlendem Vertrauen

Heinz-Josef Löckmann ist Pfarrer des Pastoralverbundes Eggevorland mit Marienloh, Neuenbeken und Benhausen

Es geht Jesus in seiner Rede an die Jünger um mehr, als um das satt werden. Jesus kümmert sich nicht um den irdischen Hunger der Vorväter in der Wüste. Mit dem Brot des Lebens will er den Menschen eine bessere Speise schenken, legt Pfarrer Löckmann das Evangelium von diesem Sonntag aus.

von Heinz-Josef Löckmann

Auf einem der Tabernakelvorhänge des Leokonvikts in Paderborn hat die Künstlerin Terhorst eine interessante biblische Szene dargestellt: Die Menschen des Johannes-evangeliums, die Jesus und sein Angebot, ihnen das Brot des Lebens zu schenken, ablehnen. Zwei stehen gelangweilt herum, einer hält sich die Ohren zu. Ein Vierter schließlich zeigt einen Vogel. Die Künstlerin zeigt dort, was in der Sprache der Bibel „murren“ genannt wird. „Da murrten die Juden gegen Jesus, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Und sie sagten: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen?“ Jesus aber sagte zu ihnen: „Murrt nicht!“
Dieses Murren hat es in der Geschichte Israels des Öfteren gegeben. Als Gott das Volk aus Ägypten herausführen will und es in der Wüste an Wasser und Nahrung mangelt, heißt es: „Da murrte das Volk gegen Gott“ – „Wären wir doch besser in Ägypten geblieben. Da hatten wir genug zu essen und zu trinken! Will Gott uns etwa in der Wüste umkommen lassen!“ In dieser heiklen Situation tritt Mose bei Gott für das Volk ein. Gott schenkt den Menschen daraufhin Wasser aus dem Felsen und das Mannabrot, Zeichen der Leben spendenden Kraft und der Liebe Gottes. Aber das Manna konnte nur den irdischen Hunger stillen. Wer davon aß, wurde wieder hungrig.
Jesus erinnert daran. „Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben!“ Er will den Menschen bessere Speise schenken als damals in der Wüste: „Ich bin das Brot des Lebens. Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben.“ Es geht ihm nicht nur um das irdische Leben. Es geht ihm um Leben über den Tod hinaus. Aber auch jetzt murrt das Volk. Jesus ist nicht glaubwürdig in den Augen der Menschen.
Das Murren der Menschen hat immer die gleiche Wurzel. Die Ursache dafür ist, Gott nichts zuzutrauen. Die Menschen trauen ihm in der Wüs­te nicht zu, dass er zur rechten Zeit Nahrung beschaffen kann. Sie trauen ihm im Neuen Bund nicht zu, dass er sich in dem ihnen von Kindheit an bekannten Jesus von Nazareth offenbart. Sie trauen ihm nicht zu, dass er sich ihnen durch Jesus im Zeichen des Brotes schenken kann. Die Wurzel des Murrens ist also mangelndes Vertrauen und leider nicht nur auf biblische Zeiten beschränkt. Es ist vielmehr eine bleibende Versuchung zu allen Zeiten der Kirchengeschichte, auch heute. In der Regel des heiligen Benedikt, die das Zusammenleben der Mönche in einem Kloster regeln soll, heißt es deshalb ausdrücklich: „Die Mönche sollen nicht murren!“ Murren ist mit das Schlimmste, was Mönche tun können. Es ist die Weigerung, unter der Leitung des Abtes auf den Wegen Gottes zu wandeln. Deshalb warnt Benedikt davor. Die Mönche sollen sich anders verhalten als die Israeliten in der Wüste und als die Zuhörerschaft Jesu. Sie sollen Gott treu sein. Was Benedikt aber den Mönchen empfiehlt, gilt letztlich für alle Christen und Christinnen, also auch für uns. Wir sollen uns dem Willen Gottes öffnen, uns seinen Wegen nicht verschließen, die Botschaft seines Wortes annehmen. Jesus will uns sehr viel schenken. „Das Brot, das ich gebe, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit!“ Es ist ein einmaliges Angebot, das Jesus macht. Die Sehnsucht der Menschen nach ewigem Leben wird gestillt. Jesus nimmt dafür seinen eigenen Tod in Kauf. Wie reagiere ich darauf? Jesus sucht Menschen, die nicht murren. Er sucht Menschen, die ihm vertrauen.


24.05.2012
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