Gedanken zum Evangelium
Mutig aufbrechen in eine neue Zeit
Wiederholt erzählen in der österlichen Zeit die Evangelien von der Begegnung des Auferstandenen mit den Seinen. Jesus Christus ringt förmlich darum, die Jünger von seiner Auferstehung zu überzeugen. Man spüre beim Lesen der biblischen Texte, wie sehr die Jünger von den schrecklichen Ereignissen, die mit der Verurteilung, der Kreuzigung und dem Tod Jesu in Verbindung stehen, gefangen seien, meint Pfarrer Johannes Hammer, Leiter des Pastoralverbundes Iserlohn-Mitte. Doch will Jesus seine Jünger zu einem neuen Aufbruch ermutigen.
von Johannes Hammer
Das Evangelium des 3. Ostersonntags lässt mich unwillkürlich an ein Wort des chinesischen Philosophen Konfuzius denken, das ich in einer Traueranzeige fand. Es lautet: „Leuchtende Tage. Nicht weinen, dass sie vorüber. Lächeln, dass sie gewesen.“ Im Nachsinnen darüber denke ich an trauernde Menschen, die von ihrer Trauer gefesselt sind und keinen Ausweg mehr finden. Sie halten an Vergangenem fest, vermögen nicht nach vorne zu sehen. Lächeln in Dankbarkeit für das Vergangene fällt schwer. Eigentlich verständlich, denn die Erlebnisse, Erfahrungen mit dem Verstorbenen, der jetzt fehlt, sind scheinbar das einzige, was über den Verlust hinweghilft. So reagieren viele Zeitgenossen auch in anderen Krisensituationen, auch in der gegenwärtigen. In der Krise von Kirche und Gesellschaft, Wirtschaft und Politik hören wir des Öfteren das Wort von den guten alten Zeiten. Die Erinnerung daran scheint Halt im Fluss der Zeit zu geben. Wer ehrlich ist, weiß, dass das so nicht stimmt. Wir hindern uns in derartigem Bewerten des Gewesenen daran, nach vorne zu schauen und zu gehen, neues Land unter die Füße zu nehmen.
Jesus hat alle Mühe, seine engsten Vertrauten für die Zukunft zu öffnen. Mehrere Male begegnet er ihnen und zeigt, dass er lebt. Doch die Jünger zweifeln, glauben einen Geist zu sehen, haben Angst. Jesus lässt sie die Spuren seines vergangenen irdischen Lebens erkennen. Er zeigt seine Wundmale, macht gleichzeitig aber deutlich, dass jetzt etwas Neues begonnen hat. „Kein Geist hat Fleisch und Knochen“, meint er, und isst sogar mit seinen Freunden. Er erklärt den Sinn der Schrift, spricht von Erfüllung, fordert auf, Zeuge der Auferstehung zu sein.
Mutet Jesus seinen Freunden nicht zu viel zu? Sind die Erlebnisse um seinen schrecklichen Tod nicht zu schwer, um unbeschwert nach vorn zu gehen? – Seit Monaten wird das Wort „Schutzschirm“ in unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht: Schutzschirme für Banken, Industrieunternehmen, Betriebe, Arztpraxen. Politiker meinen, durch derartige Beschirmungen Krisen sanfter bewältigen zu können. Das zu beurteilen, steht mir nicht zu. Eines ist jedoch klar: Einem kräftigen Sturm hält selbst der schönste Schirm nicht stand. Jesu Krisenbewältigung ist anders. Er erspart seinen Jüngern die Realität des Karfreitags nicht. Er legt ihnen auch keinen Schutzschirm über, sodass der Einbruch des Todes angenehmer zu ertragen wäre. In aller Klarheit spricht er von seinem Tod. Er spricht auch von einem Neuanfang, von seiner Auferstehung. Der Tod ist überwindbar und hat nicht das letzte Wort. Die Spuren des Vergangenen, die Wundmale, bleiben, erscheinen jedoch beim Auferstandenen in einem neuen Licht.
In den gegenwärtigen Umbrüchen, aber auch in persönlichen Krisen, ist es unvermeidlich und richtungweisend, ungeschminkt die Realität zu sehen und ins Wort zu bringen. Dabei gerät das in den Blick, was wirklich zählt. Passend zum Auferstehungsgeschehen laden die Lesungen des 3. Sonntags der Osterzeit aus der Apostelgeschichte und dem 1. Johannesbrief ein, umzukehren, die Wahrheit zu sagen, die Gebote Gottes zu halten und sich dem Wirken des Beistandes, Jesus Christus zu öffnen. Mit anderen Worten: Es lohnt sich, Begriffe wie Gottesliebe, Nächstenliebe, Solidarität und Wahrhaftigkeit wieder verstärkt in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Sicherlich ein wichtiger Schritt, uns von den beschwerlichen Erfahrungen des Gestrigen zu lösen und dem Neuen der vor uns liegenden Zeit zu öffnen. „Leuchtende Tage. Nicht weinen, dass sie vorüber. Lächeln, dass sie gewesen“, dabei aufbrechen in eine neue Zeit als Zeugen der Auferstehung. Das stünde österlichen Menschen gut zu Gesicht!







