Aktuelle Ausgabe
2012-20

Was die Laternabasilika in Rom so besonders macht

Mutter und Haupt aller Kirchen

Römischer Glanz und Glorie in der Lateranbasilika, der Bischofskirche des Papstes in Rom Foto:kna

Rom. Kirchweih ist ein schönes Fest. Schon seit dem 7. Jahrhundert wird es gefeiert und gerade im Mittelalter war es vielerorts ein Ereignis. Von überall her kamen die Bauern und Händler zu ihrer Pfarrkirche, hielten einen großen Markt ab und ein Fest. Kir-mess, das Kirchweih-Fest, ist bis heute beliebt. Allerdings: Normalerweise feiern nur die mit, die zu der entsprechenden Kirche gehören. Ein Pfarrfest, sozusagen. Nur bei einer einzigen Kirche ist das ganz anders: San Giovanni in Laterano, der Lateran-Balilika in Rom.

von Susanne Haverkamp

Fragt man Rom-Reisende, was ihnen von dieser Kirche im Gedächtnis ist, kommt meist nicht viel. Sie versteckt sich quasi hinter den berühmten Kirchen der Heiligen Stadt. Der Petersdom, St. Paul vor den Mauern, Santa Maria Maggiore – sie alle haben irgendwie mehr zu bieten. Und doch hat der Lateran anderen Gotteshäusern eines voraus: das Alter und die Bedeutung.
Es war im Jahr 312. Konstantin war Kaiser von Rom. Eine wichtige Schlacht stand ihm bevor, die Schlacht gegen seinen Konkurrenten auf den Kaiserthron, Maxentius. Konstantin siegte an der „Milvischen Brücke“ und festigte sein Kaisertum. Für die Christen war das bedeutsam. Denn der Kaiser sympathisierte mit ihrer verfolgten Religion. Ja, der Legende nach hatte er in dem entscheidenden Kampf sogar ein Christusbildnis dabei und bezeichnete später den Gott der Christen als seinen „Schlachthelfer“. Fortan erlaubte Konstantin nicht nur den neuen Kult, er förderte ihn sogar. Auch dadurch, dass er endlich den Bau einer Kirche ermöglichte, einer großen Bischofskirche. Der Bauplatz war bald gefunden: die Kasernen einer kaiserlichen Garde am Rande Roms. Diese Gegend wurde nach den „Laterani“, einer Familie, die dort ihre Stadtpaläste hatte, „Laterano“ genannt – und so nannte man auch die Kirche, die ab 313 gebaut wurde.
Es war nicht irgendein bescheidenes Kirchlein, es war eine prachtvolle fünfschiffige Basilika, 100 Meter lang und 55 Meter breit. 16 rote Granitsäulen mit weißen Marmor-Kapitellen und 21 grüne Marmorsäulen stützten die Konstruktion, Wände und Boden waren mit Marmorplatten geschmückt, der offene Dachstuhl hatte vergoldete Balken und eine vergoldete Kassettendecke. Die Fassade war dagegen eher bescheiden – vielleicht ein Zugeständnis an die immer noch weitgehend heidnische Umwelt.
Am 9. November 324 weihte Papst Silvester I. seine Bischofskirche ein. Sie war dem „Salvator“ geweiht, dem Erlöser selbst. Der Legende nach geschah bei der Einweihung ein Wunder: Plötzlich erschien aus dem Nichts ein Christusbild, ein „nicht von Menschenhand geschaffenes“ Bildnis. Später wurde es als Mosaik auf die Fassade gesetzt und hoch verehrt. Auch heute ist das Bildnis noch zu sehen: in der Papstkapelle „Sancta Sanctorum“ gleich gegenüber der Kirche. Die „Sancta Scala“ führt hinauf, eine Treppe mit 28 Stufen, die angeblich aus dem Palast des Pilatus stammt und die Jesus am Karfreitag gegangen ist. Daher erklimmen viele Gläubige auf Knien die Stufen im Gedenken an die Passion Christi. „Non est in toto sanctior orbe locus“, heißt es auf einem Baldachin: Es gibt keinen heiligeren Ort auf der Welt.
In jedem Fall ist die Lateran-Basilika und der angrenzende Lateran-Palast einer der geschichtsträchtigsten Orte auf der Welt. Fast 1000 Jahre lang war dort der Amtssitz des Papstes. Er war Schauplatz von fünf wichtigen Konzilien. Und auch wenn die Kirche mehrfach durch Erdbeben und Brände zerstört und mit dem Exil der Päpste in Avignon ab 1305 quasi verlassen wurde, blieb sie, was sie war: die Bischofskirche von Rom. Noch Papst Sixtus V. (bis 1590) war der Meinung, dass die Lateran-Basilika und nicht der im Umbau befindliche Petersdom die Hauptkirche Roms sei, ließ sie wiederaufbauen und verlegte sogar den päpstlichen Ostersegen „Urbi et Orbi“ dorthin. Auch spätere Päpste bekannten sich zu ihrer Bischofskirche. So ließ Papst Leo XIII. die Apsis erneuern und ist dort beigesetzt.
Auch heute noch ist San Giovanni in Laterano, die um 600 zusätzlich Johannes/Evangelist und Johannes, dem Täufer geweiht wurde, die Bischofskirche der Diözese Rom. Das wird deutlich, wenn der Papst die Chrisam-Messe, in der Gründonnerstag das heilige Öl geweiht wird, in der Lateran-Basilika feiert. Oder daran, dass bei wichtigen Feiern das Domkapitel des Lateran immer den Vorrang vor dem Domkapitel von St. Peter hat. Oder daran, dass der Weihetag des Petersdoms ein Gedenktag ist, der gefeiert werden kann, der Weihetag der Lateran-Basilika aber ein Fest, das in der gesamten katholischen Kirche gefeiert werden muss und auch an einem Sonntag die eigentlich vorgesehenen liturgischen Texte verdrängt.
Und warum? Ist der Hauch der Zeit nicht längst über die Lateran-Basilika hinweg geweht? Vielleicht, aber so ist sie, die katholische Kirche. Sie feiert nicht schöner, größer, prunkvoller, mächtiger, sondern älter und von daher (theologisch) bedeutungsvoller.
Das zeigt auch das Evangelium vom heutigen Sonntag. Denn so wichtig für Jesus der Tempel als Gotteshaus ist, er scheut nicht davor zurück, ihn einreißen zu lassen. Wichtiger als Steine ist der „Tempel des Leibes“, sind die Gläubigen, die den Leib Christi und die Kirche bilden. Wenn deshalb seit dem 12. Jahrhundert alle diese Kirchweih feiern, dann deshalb: Als Ausdruck der Verbundenheit mit der Kirche von Rom und ihrem Bischof und in dem Wissen, dass überall dort Christus gegenwärtig ist, wo sich Menschen zum Gottesdienst versammeln: am 9. November 324 in Rom und am 9. November 2008 überall auf der Welt. „Dass alle eins seien“, bittet Jesus im Johannes-Evangelium, und genau das ist die Botschaft von „San Giovanni in Laterano“.


24.05.2012
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