Gedanken zum Evangelium
Nach Gott suchen – ein Leben lang
Wer Gott auf dem Weg der Liebe sucht, wird ihn finden.
von Alois Schröder
„Ich suche Gott! Ich suche Gott … Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!“ So lässt der Philosoph und Religionskritiker Friedrich Nietzsche Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Meisterwerk „Die fröhliche Wissenschaft“ den „tollen Menschen“ ausrufen. Hat er nicht Recht, wenn wir auf die weit verbreitete Gottvergessenheit und Gottlosigkeit unserer Tage schauen? Leben nicht auch viele unserer Mitchristen so, als würde es Gott gar nicht geben? Und ist der Vorwurf, dass die Kirchen „Grüfte und Grabmäler Gottes“ seien, so einfach von der Hand zu weisen?
Wir können zwar Gott nicht töten. Wir können ihn aber totschweigen, sodass er für uns keine Bedeutung mehr hat. Auch dogmatische Formeln und feierliche Rituale können den „Tod Gottes“ fördern, wenn sie den Eindruck erwecken und den Anspruch erheben, in ihnen und durch sie sei Gott verfügbar. Gott aber ist und bleibt ein tiefes Geheimnis, das sich unserem Verstand und unseren Sinnen letztlich entzieht. Das wird am Festgeheimnis dieses Sonntags besonders deutlich, wenn wir uns zu dem einen Gott in drei Personen bekennen.
Vor diesem Geheimnis ist es höchst angemessen, in die Knie zu fallen, zu schweigen und anzubeten. Zugleich aber drängt es uns, dem Geheimnis des dreieinigen Gottes auf die Spur zu kommen. Gott selbst ist es, der uns bei dieser Suche entgegenkommt. Er, der in sich kein schweigender und einsamer Gott ist, vielmehr in einem lebendigen und liebenden Austausch von Vater, Sohn und Geist steht, sucht die Begegnung mit uns und mit der Welt. Auf vielfache, oftmals überraschende Weise teilt er sich uns mit. Die Bibel erzählt davon, wie dieser Gott offensichtlich eine Vorliebe dafür hat sich zu verbergen, damit wir Menschen ihn suchen. Beim Propheten Jesaja heißt es: „Wahrhaftig, du bist ein verborgener Gott“ (45,15). Und später: „Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist“ (55,6)!
Nur wenn wir nach Gott suchen, werden wir ihm und seiner Wirklichkeit auf die Spur kommen. Denn er verbirgt sich in dem, was er geschaffen hat. Er verbirgt sich in dem, was er liebt; vornehmlich in jedem/jeder von uns; nicht zuletzt in den Kleinen und Wehrlosen. Schließlich und einzigartig verbirgt und offenbart sich unser Gott in seinem Sohn, dem Menschen Jesus von Nazaret; und das vor allem in der Unscheinbarkeit des Kindes von Betlehem und des Gekreuzigten auf Golgota. Wie schwer fiel es damals den Jüngern, in Jesus Gott selbst zu erkennen. Seine Antwort an Philippus war nicht ohne kritischen Unterton: „Wer mich gesehen hat, hat auch den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater“ (Joh 14,9)? Wer Anschluss an Jesus gefunden hat und sich mit ihm mehr und mehr vertraut macht, ist Gott selbst auf der Spur. Er ist am Ziel seiner Suche angekommen.
Jesus weist uns den Weg zu Gott, dessen Wesen durch und durch Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,8). Und auf dem Weg der Liebe, zumal in der Nachfolge Jesu, nähern wir uns dem Geheimnis des dreieinigen Gottes. Beherzigen wir die Botschaft dieses Sonntags: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue“ (Ex 34,6). Und: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3,16).
Dankbar und demütig vor diesem Gott zu sein, aber auch auf der Suche nach ihm zu bleiben, das steht uns gut zu Gesicht! Denn: „Gott ist so groß, dass er es wohl wert ist, ihn ein Leben lang zu suchen“ (heilige Theresia von Avila)!







