Kommentar
Nicht alle Zahlen zählen auch
von Andreas Wiedenhaus
Tagtäglich werden wir mit den neuesten Zahlen informiert, bisweilen allerdings auch traktiert. Kaum etwas, was nicht bis in die dritte Stelle hinter dem Komma statistisch erfasst und aufbereitet wird: Vom Geschäftsklima-Index über den DAX bis zur Konsumlaune.
Aktuell hat das Heidelberger Sinus-Institut eine Studie vorgelegt, nach der den beiden großen christlichen Kirchen ein weiterer deutlicher Mitgliederschwund droht. Von einem „Potenzial“ von bis zu 5,5 Millionen Austrittswilligen ist die Rede. „Wir sind Kirche“ hat selbstverständlich sofort auf diese Zahlen reagiert: Die katholische Kirche sei im „Stresstest der Glaubwürdigkeit“ erneut durchgefallen, heißt es von der Kirchenvolksbewegung.
Die Abläufe sind immer die gleichen: Kaum ist eine der – selbstverständlich absolut „repräsentativen“ – Studien veröffentlicht, bedient sich jeder so, wie er es gerade gebrauchen kann, aus dem umfangreichen Zahlenangebot. Meistens ist ja auch für jede Richtung irgendetwas dabei, was die eigene Meinung stärkt.
Dabei soll es hier nicht darum gehen, die zweifellos vorhandenen Probleme und Schwierigkeiten vieler Menschen mit ihrer Kirche und die in vielen Kreisen zunehmende Entfremdung zu leugnen. Dass Deutschland immer mehr zum Missionsland wird, wie es der Chef des Sinus-Instituts jetzt im Zusammenhang mit den aktuellen Daten verkündete, ist aber nun wirklich keine Neuigkeit.
Auch wenn uns Statistiker zunehmend den Eindruck vermitteln möchten, dass sich mit Zahlen eigentlich alles erklären lässt: Vieles von dem, was wirklich zählt, ist so nicht zu fassen. Wer das nicht erkennt, läuft Gefahr, das, worum es letztlich geht, im Anblick diverser Zahlenkolonnen aus den Augen zu verlier






