Aktuelle Ausgabe
2012-20

Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche aus Einwandererfamilien

Nicht die gleichen Chancen

Dortmund. „Wenn ihre Kinder nicht gleich gut qualifiziert sind, kann ich den Eltern vermitteln, dass das so richtig ist. Wenn sie aber gleich qualifiziert sind, dann kann ich es ihnen nicht mehr vermitteln“. Mit diesem Zitat brachte die Hauptreferentin des Rosinengesprächs im Rittersaal, Professorin Ursula Boos-Nünning, das Dilemma von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei der Chancengleichheit in der Berufsausbildung auf den Punkt.

DGB-Region Dortmund-Hellweg und Kommende Dortmund hatten unter dem Thema: „Vom Ausschluss zur Inklusion“ zu einer Diskussion um eines der brennendsten gesellschaftlichen Zukunftsfragen eingeladen.
Die frühere Rektorin der Universität Essen, Professorin Dr. Ursula Boos-Nünning, eine der profiliertesten deutschen Wissenschaftlerinnen im Bereich Migrationsforschung, speziell im Fragekontext der Integration der jungen Migrantengeneration, ist Mitglied vieler Kommissionen auf Bundes- und Landesebene.
Ihre zentrale These lautet: Deutsche Jugendliche mit Migrationshintergrund haben bei gleicher Qualifikation keine Chance auf einen Ausbildungsplatz gegenüber „einheimisch deutschen“ Stellenbewerbern, in besonderer Weise bei jungen Leuten türkischer oder arabischer Herkunft. Dieses Verhalten sei keine böse Absicht oder gar Fremdenfeindlichkeit in kleinen oder mittleren Ausbildungsbetrieben sowie in den Großkonzernen, betonte die Referentin. Aus ihrer Arbeit mit verantwortlichen Ausbildern macht sie vielmehr Unsicherheit, zum Teil auch Ratlosigkeit mit den Mentalitäten von Jugendlichen ausländischer Herkunft fest. Unkenntnisse über islamische Lebensgewohnheiten können dieses Verhalten verstärken.
„Erst die Kukis, dann die Mikis“ formulierte ein Teilnehmer das Verhalten von Ausbildungsbetrieben. „Kukis“ sind Kundenkinder, „Mikis“ Mitarbeiterkinder. Solche Netzwerke sind in den Augen Boos-Nünnings eine weitere Ursache für die fehlende Chancengleichheit auf dem Ausbildungsmarkt. Statt in „gemütlichen Verhaltensmustern“ zu verweilen, zeigt die Professorin die vertanen Chancen auf: Mobile, zwei- oder mehrsprachige motivierte junge Leute gehen Wirtschaft und Gesellschaft verloren, angesichts der demografischen Entwicklung „eine Katastrophe“. Den Vorwurf von Blauäugigkeit ihrer Forschungsergebnisse über die Integrationsbereitschaft lässt sie nicht gelten.
Sie sieht vielmehr eine hohe Akzeptanz der Werte des Grundgesetzes bei Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte. Andersherum seien dann auch Gesellschaft und Wirtschaft in der Pflicht, die Werte des Grundgesetzes mit Leben zu erfüllen und Chancengleichheit zu ermöglichen. Die bisher gemachten Erfahrungen zeigten, dass Azubis mit Migrationsgeschichte ihren Job nicht schlechter machen als ihre „einheimisch deutschen“ Kollegen.

„Migrantenkinder haben gegenüber einheimischen Jugendlichen auf dem Ausbildungsmarkt so gut wie keine Chance“: Professorin Ursula Boos-Nünning stellte ihre Thesen in der Kommende vor.

24.05.2012
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