Aktuelle Ausgabe
2012-20

Über 15000 Menschen beim „Fest der Kirchen“ auf der Landesgartenschau

Niemand kam an der Kirche vorbei

Der Andrang war riesig: genau 15234 Menschen drängten sich am vergangenen Samstag beim „Fest der Kirchen“ auf dem Gelände der Landesgartenschau in Hemer. Das Dekanat Märkisches Sauerland und der Evangelische Kirchenkreis Iserlohn hatten unter dem Leitwort „Sinnlich, sündig, solidarisch?“ ein Programm zusammengestellt, das bei den Menschen ankam.

von Andreas Wiedenhaus, Matthias Nückel (Text) 

und Harald Oppitz (Fotos)  

 „Guck mal, die Zeugen Jehovas sind auch hier!“ Der ältere Herr tippt seiner Frau auf die Schulter und zeigt sichtlich irritiert nach rechts zum Wegrand. Dort stehen ein Mann und eine Frau und lesen aus der Bibel vor. Die Heilige Schrift haben sie vor sich auf einen Stromkasten gelegt. „Quatsch!“ entgegnet ihm seine offensichtlich besser informierte Ehefrau: „Heute ist doch das Fest der Kirchen!“ 

Eine Begegnung, wie es sie am vergangenen Samstag auf der Landesgartenschau in Hemer buchstäblich an „jeder Ecke“ gab: Beim ökumenischen Fest der Kirchen „kam niemand an Kirche vorbei“ – oder vielleicht müsste es in diesem Fall besser heißen: „Alle kamen an Kirche vorbei.“ Mehr als 100 Programmpunkte umfasste das Angebot der katholischen und evangelischen Kirche, wie Superintendentin Martina Espelöer bei der Begrüßung sagte. Über 1000 Christen machten als Mitwirkende mit. 

„Möchtest Du ein Kreuz?“ Der kleine Junge schaut kurz auf, nickt und schon sitzt er mit am Tisch, wo schon eine ganze Reihe anderer Kinder damit beschäftigt sind, kleine Holzkreuze von einem gedrechselten Ring abzutrennen. Pfarrer Michael Nelson freut sich über den Betrieb an seinem Stand: Schon morgens ist hier viel los. Die Kinder sind mit Begeisterung bei der Sache. Sie feilen und schleifen, die Kreuze werden bunt angemalt und schließlich – mit einem Bindfaden versehen – um den Hals gehängt. Die Eltern nutzen die Unterbrechung für eine willkommene Verschnaufpause beim Aufstieg über die „Himmelstreppe“ auf den Jübergturm. 

Großer Andrang herrscht auch beim Kunstprojekt „40 Stühle – Platz für jeden!“ Initiativen und Einzelpersonen aus sozialen Einrichtungen haben 40 Stühle gestaltet. Die Suchtberatung zum Beispiel hat ihren Stuhl geteilt: auf der einen Seite sitzt ein Teufelchen, darunter sind die negativen Folgen des Alkoholkonsums beschrieben; auf der anderen Seite weist ein Engel auf die positiven Aspekte ohne Drogen hin. „Wir haben schon 2000 Info-Karten verteilt“, berichtet Robert Marx vom Caritasverband Iserlohn, der die Ausstellung betreut – und es ist jetzt erst Mittag. Eigentlich sollten die Stühle bei der Gartenschau versteigert werden. „Aufgrund der großen Nachfrage wird das Projekt aber die nächste Zeit noch in einigen Einrichtungen ausgestellt“, sagt Marx. 

Schon bei der Eröffnung des Festes der Kirchen im Kulturforum herrscht großartige Stimmung. Von ökumenischen Aufbrüchen ist viel die Rede angesichts des Kraftaktes der beiden Kirchen. Vielleicht gebe es einmal eine Zeit, „in der es das Wort Kirche nur noch im Singular gibt“, meint Superintendentin Espelöer. Dechant Jürgen Senkbeil findet in seiner Begrüßungsansprache auch nachdenkliche Worte: die „wechselvolle, aber auch leidvolle Geschichte des Ortes“, an dem die Gartenschau stattfindet, werde nicht ausgeblendet. 

Neben Ökumene wird ein zweites „Ö“ ganz groß geschrieben: Ökologie. Die Gartenschau, so der Vorsitzende des Diözesankomitees der Katholiken, Ansgar Kaufmann, sei der richtige Ort, um den Preis des Laiengremiums zu verleihen, als die Gewinner des Wettbewerbs „Solidarisch leben in Gottes Schöpfung“ geehrt werden. „Hier können wir unmittelbar erleben, was Schöpfung bedeutet“, betont Weihbischof Manfred Grothe, der die Preise übergibt. 

Eine Premiere der besonderen Art erleben die zumeist jungen Zuhörer zur gleichen Zeit beim Jugendprogramm auf dem Sportplatz: Dort läuft das Casting für den „1. Christlichen Superstar“. Sechs Bewerberinnen und Bewerber präsentieren sich auf der großen Bühne mit jeweils zwei Songs – und bieten ein echtes Kontrastprogramm: Coverversionen internationaler Hits sind ebenso zu hören wie Rap-Eigenkompositionen mit deutschen Texten. Warum sie mitmachen? Vanessa bringt es auf den Punkt: „Spaß statt Dieter Bohlen!“ Die Jury und das Publikum vor der Bühne machen es ziemlich spannend. Schließlich verkündet Erich Reinke vom Evangelischen Jugendreferat in Iserlohn das Ergebnis: Daniel hat das Casting für sich entscheiden können. Er darf sich „1. Christlicher Superstar“ nennen. Der 18-Jährige aus Iserlohn hat eine Aufnahme in einem professionellen Tonstudio gewonnen. Auch wenn Vanessa, Denise, Marcel, Rebecca und Meike nicht ganz vorne gelandet sind: Musikalisch stecken sie die allermeisten „DSDS“-Kandidaten „locker in die Tasche“ – das haben sie heute bewiesen. 

Ernster geht es auf den Kaffeeparcours zu. Dort wird der Weg des Kaffees von der Plantage zum Verbraucher gezeigt. Pfarrer Dietmar Kehlbreier ermuntert die Besucher, einmal die Säcke anzuheben, die das gleiche Gewicht haben wie die Säcke, die Kaffeebohnenpflücker tragen müssen. Kaum jemand schafft es, die 60 Kilo zu stemmen. Da werden die meisten Besucher nachdenklich. 

Am Nachmittag kommt es auf der Himmelstreppe fast zu einem Stau: Unzählige Besucher erklimmen die Stufen. Oben auf dem Jübergturm belohnt sie ein sensationeller Ausblick für die Mühen des Aufstiegs. Auf dem Gelände hinter dem Turm ist es wesentlich ruhiger. Ein guter Ort, um sich im Zeltdorf ein wenig zu entspannen, etwa im Zelt der Stille oder auch, um im Zelt der Heiligen die einmalige Gelegenheit zum „Smalltalk mit einer Heiligen“ zu nutzen.  

Rund um den Himmelsspiegel am Fuß der Himmelstreppe stellen sich verschiedene kirchliche Gruppen und Initiativen vor: Weltgebetstag der Frauen, Ökumenisches Kirchenzentrum Meschede, Pater Beda und seine brasilianischen Gäste, Caritaskonferenzen im Erzbistum Paderborn. Auch der Stand des DOM, den sich die Kirchenzeitung des Erzbistums in ökumenischer Freundschaft mit den evangelischen Kollegen teilt, stösst auf großes Interesse. Ein Programmpunkt muss leider kurzfristig abgesagt werden. Das Engelwettrennen fällt wegen des großen Andrangs aus. Schließlich sollen weder laufende „Engel“ noch Besucher zu schaden kommen. 

„Nun danket all und bringet Ehr“ schallt es am späten Nachmittag aus tausenden Kehlen am Kulturforum. Mit dem ökumenischen Abschlussgottesdienst setzen katholische und evangelische Christen auf dem Gelände der Gartenschau noch einmal ein deutliches Zeichen. Und auch so mancher Besucher, der nicht eigens wegen des „Festes der Kirchen“ nach Hemer gereist war, bleibt stehen. Die christlichen Kirchen haben an diesem Tag Flagge gezeigt und viele Menschen positiv angesprochen. Ein großartiges „Fest der Kirchen“ neigt sich dem Ende zu.


24.05.2012
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