Aktuelle Ausgabe
2012-20

Nur wer sich beteiligt fühlt, macht auch mit

Offenheit kann Türen öffnen

Sich im Gespräch zu öffnen ist nicht immer leicht, für Berater ist das der Alltag.Foto: Vieler

Das Schlüsselwort heißt „Effata“: Wer sich öffnet, hat schon gewonnen – im Evangelium dieses Sonntags, als ein Taubstummer zu Jesus gebracht wird, aber auch im Beratungsgespräch. Immer wieder hat die Osnabrücker Beraterin und Therapeutin Doris Ostermann auch mit Menschen zu tun, die nicht sagen können, was sie bewegt. Und mit anderen, die nicht hören können, was andere sagen.

von Roland Juchem

„Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren“, schreibt der Evangelist Markus. Das ist wie heute: Zunächst soll der Klient reden, erst später will er es von sich aus. Aber wollen muss er, sonst öffnet sich nichts; der Wille aber kommt aus dem Umfeld oder aus Leidensdruck. Doris Ostermann skizziert ein Beispiel: Eine junge Frau kommt mit fast allen Kollegen im Betrieb klar. Nur bei einer älteren Kollegin hakt es; selbst simpelste Absprachen fallen ihr schwer. Wie blockiert fühlt sie sich, das zu sagen, was sie sagen möchte. Kaum Augenkontakt, das Herz rast – es ist wie verhext.
Erst im Beratungsgespräch wird der jungen Frau klar, dass die ältere Kollegin sie an ihre Mutter erinnert, nicht äußerlich, aber in Gesten und Tonfall. „Ich weiß, das klingt arg klischeehaft“, räumt Ostermann ein, „aber so etwas kommt tatsächlich vor.“ Erst nachdem die junge Frau sich göffnet hat und schildern konnte, wie sie sich heruntergeputzt fühlte, wenn sie ihrer Mutter mal etwas Kritisches sagte, bessert sich die Lage. Diese Übertragung, so der Fachbegriff, war der jungen Kollegin nicht bewusst gewesen.
Und der älteren schon gar nicht; die mag sich nur gewundert haben, warum die junge Kollegin etwas seltsam ist. In diesem Fall half der Klientin bereits, sich über diesen Mechanismus klar zu werden. „Die beiden mögen künftig nicht die besten Kolleginnen werden, aber sie können miteinander reden.“
Das ist nicht so leicht, wie man zuerst meinen mag. Oft verschlägt es Menschen die Sprache, oder andere schlucken das herunter, was sie sagen wollen, weil es „ohnehin keine Sinn hat“ und sie sich „nur den Mund fusselig reden“. Ihnen stellt Ostermann vier Fragen: Was wünschst du dir vom anderen? Wenn du ihm etwas sagen willst, wie genau und in welcher Weise machst du das? Hast du es einmal anders probiert? Und: Hast du dabei etwas von dir persönlich gezeigt? Denn: Offenheit kann „Türen“ öffnen!
Und die Tauben, jene, die nicht zuhören, was andere sagen wollen? Die sind stumm oder redselig. Kinder halten sich die Ohren zu, Jugendliche verlassen den Raum, Erwachsene schalten auf Durchzug. Wer nicht zuhört, aber auch nichts sagt, hat sich innerlich verabschiedet. So berichtet Peter-Paul König, Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Göttingen und Gemeindeberater, von einer Variante der Heilung eines Taubstummen. Am Ende eines Arbeitstages von Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten mehrerer Pfarreien bewerteten fast alle Teilnehmer Ergebnis und Klima des Treffens bis dahin mit acht bis zehn Punkten. Nur ein Teilnehmer, der den ganzen Tag stumm geblieben war, vergab null Wertungspunkte. Als König ihn später unter vier Augen fragte, bekam er zur Antwort: „Wir können hier machen, was wir wollen, das Bistum hat ohnehin schon alles entschieden. Das Ganze hier hat überhaupt keinen Sinn.“ Daraufhin bat König den Mann, diese Kritik am nächsten Morgen als erstes der Runde mitzuteilen. Das tat er.
Daraufhin entspann sich eine rege Diskussion, an der sich der bisher Schweigsame beteiligte – „weil er sich endlich ernst genommen fühlte“, erläutert König den Sinneswandel. Dieses Wunder habe aber nur geschehen können, weil der bis dahin taubstumme Teilnehmer selber etwas getan hat. „Auch Jesus zauberte nicht“, zieht König eine Parallele. „In fast allen Heilungsgeschichten des Neuen Testamentes, wird erzählt, dass der Geheilte auch selbst aktiv werden musste.“
Dann sind da noch jene, deren Ohren verstopft sind von ihren eigenen Wörtern. Etwa weil sie Angst haben, durch kritische Einwürfe verunsichert zu werden. König erlebte das, als er im Frühjahr in Göttingen einen offenen Gesprächsabend zur Kontroverse um die Priesterbruderschaft Pius X. anbot. „Da gab es Teilnehmer, deren Wahrnehmung war so abgeschlossen, dass sie nichts anderes hören konnten als das, was ihre eigene Weltsicht bestätigt.“ Vor allem mit Menschen, die „fundamentalistische“ Positionen vertreten, sei es schwer, einen Dialog zu führen. Äußerungen, Zahlen und Erfahrungen, welche die eigene Weltsicht stützen, werden aufgesogen, Widersprechendes hingegen oft unbewusst ausgeblendet, gar nicht gehört. Allerdings könne sich niemand gänzlich von dieser Schwäche freisprechen, fügt König hinzu.
Doris Ostermann weiß von „Vielrednern“ zu berichten, für die nur ihre eigene Meinung zählt und die vom Anderen nichts Konstruktives erwarten und dem Anderen wenig zutrauen und deshalb selbstredend nicht zuhören. Die Gretchenfragen an solche Menschen lautet: Was wäre, wenn Sie einmal nichts sagen? Oder: Haben Sie mitbekommen, was der oder die andere gerade gesagt hat?
„Effata – öffne dich“ ist keine Zauberformel, die Jesus verwendet, sondern eine persönliche Aufforderung. Öffnen aber, das betonen Ostermann und König, können Menschen sich erst, wenn sie sich als Person – so wie sie sind – gesehen und verstanden fühlen. Gehörte es doch zu den größten Wundern Jesu, ausgegrenzte Menschen so anzunehmen, wie sie sind.


24.05.2012
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