Aktuelle Ausgabe
2012-20

Die Hallenberger Rappelnacht weckt zu Ostern Tote auf

„Ohrstöpsel trägt hier jeder“

Eindrucksvoll überragen die Osterkreuze und die Lampions in der Hallenberger Rappelnacht den lärmenden Zug.

Wer noch niemals in der Osternacht in Hallenberg im südlichen Sauerland war, der weiß nicht, was laut ist. Das Wort „Rappelnacht“, mit dem die Einheimischen dort die Ereignisse der ersten Stunden am Ostersonntag bezeichnen, lässt jedenfalls nicht im Entferntesten eine Vorahnung davon aufkommen. Es ist eine Nacht, die sich jedem Augen- und Ohrenzeugen fürs Leben ins Gedächtnis einbrennt. Und Lautstärke ist dabei das bestimmende Merkmal.

Text: Johannes Schönwälder, Fotos: Wolfgang Radtke

Dabei beginnt alles ganz friedvoll und ruhig. Noch eine Stunde vor Mitternacht liegt das Städtchen Hallenberg völlig verschlafen im Halbdunkel der wenigen Straßenlaternen. Einzig aus ein paar Gaststätten der Altstadt dringen Stimmen auf die engen Gassen. Dann setzt langsam Bewegung ein. Autos und Busse werden in den angrenzenden Straßen geparkt. Auch aus den Häusern machen sich aus allen Richtungen Menschen auf den Weg zum Kirchberg.
Es werden immer mehr. Kurz vor Mitternacht sind es dann einige Tausend, die im weiten Rund des Platzes vor der St. Heribert-Kirche versammelt sind.
Auf der Stirnseite des Platzes, beim Petrusbrunnen, entwickelt sich inzwischen ein skurriles Szenario. Junge Männer tragen drei jeweils zweieinhalb Meter hohe Kreuze heran, an denen Lampions hängen. Leiterwagen rollen dazu, bepackt mit riesigen Sägeblättern, mit leeren Gasflaschen aus Stahl und ausgedienten gusseisernen Bolleröfen. Fünf Minuten vor Mitternacht geht überall in der Stadt schlagartig die Beleuchtung aus. Nachdem die Turmuhr zwölf Mal geschlagen hat, stimmt die Gruppe das Hallenberger Osterlied an.
Was dann geschieht, weckt Tote. Mit Hämmern und Eisenstangen dreschen die etwa 80 bis 100 jungen Männer auf alles ein, was Lärm macht. Handsirenen ertönen, Rasseln werden gedreht, Trommeln geschlagen, ein Jagdhorn ertönt. Dann wird ein Zug gebildet, und es geht los durch die kleine Stadt, in der in dieser Nacht niemand schläft. Das scheinbare Chaos folgt strengen Regeln. Der Brauch geht mindestens ins 18. Jahrhundert zurück, wie Georg Glade erläutert, der die Historie studiert hat. Erstmals erwähnt werde er 1781 im Protokollbuch des Burschenvereins Hallenberg. „Vereinzelte Versuche der Behörden, die Osternacht zu verbieten, blieben wirkungslos, so sehr hängen die Hallenberger an ihrem Brauch.“ Lediglich 1945, zwei Tage nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen, fiel sie aus.
Der Burschenverein wird 1746 das erste Mal in den Akten erwähnt. Gegründet wurde er aber wahrscheinlich lange zuvor. Ihm gehören zurzeit etwa 160 junge Männer an, sie alle sind Söhne der Stadt. Nicht nur die Rappelnacht organisieren sie, auch der Bau des Osterfeuers, das hier schon am Karfreitagabend abgebrannt wird, obliegt ihnen. „Unverheiratet müssen die Burschen sein“, erzählt Josef Fress am Rande der Prozession. Obwohl er schreit, sind die Worte des Hallenbergers kaum zu verstehen. Hier mitzumachen, sei für alle eine Ehre. Auch er wäre gerne dabei. „Aber spätestens, wenn man verheiratet ist, ist man nur noch Zuschauer“, so der 47-Jährige.
Zuschauer am Straßenrand gibt es reichlich in dieser Nacht. „Wir kommen jedes Jahr über Ostern hierher, um die Rappelnacht mitzumachen“, bekundet eine junge Mutter. Zwei Kinder tanzen neben dem Zug her, ein drittes sitzt beim Vater Huckepack. Die Familie wohnt im Ruhrgebiet und verbindet den Ausflug mit einem Verwandtenbesuch im Nachbarort. Etwas Vergleichbares gebe es doch sonst nirgendwo. Dann muss sie weiter, ihren Kindern und der Prozession hinterher, die inzwischen aus der kleinen Einkaufstraße wieder rechts in Richtung Kirchberg abgebogen ist.
Eindrucksvoll überragen die drei Osterkreuze den lärmenden Zug. Auf das Holz sind das Angesicht und die Wundmale des Gekreuzigten aufgemalt, auch der Speer, den der Soldat in Jesu Seite stieß und die Inschrift: „O crux ave, spes unica – O Kreuz, einzige Hoffnung, sei gegrüßt“.
Wie das Anzünden großer Feuer, so haben auch die lärmenden Bräuche zu Ostern wahrscheinlich einen heidnischen Ursprung. Am Ende der kalten Jahreszeit sollten so die Wintergeister vertrieben und Dämonen abgewehrt werden. Gleichzeitig galt es, die Kräfte des Frühjahrs in der Vegetation zu wecken. Später überlagerte das Feiern der Auferstehung Jesu nach seinem Kreuzestod das vorchristliche Brauchtum.
Ostern ist das höchste christliche Fest. Was die Menschen in den dunklen Stunden feiern, sei der Sieg über den Tod, erklären Volkskundler das Brauchtum. Tod werde durch Nacht und Kälte symbolisiert, Feuer und Lärm ständen für das Gegenteil. „Und deswegen passt es so gut zu dieser Oster-Symbolik.“
Unter ständigem Getöse hat die Prozession jetzt wieder den Kirchberg erreicht und beginnt eine weitere Runde durch das nächtliche Hallenberg. Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr sorgen dafür, dass sie immer die richtige Abzweigung nimmt und kein Auto die Tausenden von Menschen gefährdet. Einer von ihnen ist Josef Pöppel. Der Mittsechziger ist Hallenberger und seit Jahrzehnten zu Ostern dabei. Auf die Frage, wie er das nervlich aushält, greift er in seine Tasche und holt zwei Ohrstöpsel heraus. „Die trägt hier jeder.“ Gut zu wissen fürs nächste Mal.
Einer der ältesten Teile der Prozession ist gegen Ende die dreimalige Umrundung der Kirche. Hier heben sich noch einmal beeindruckend die erleuchteten Kreuze vor der weißen Kirchwand ab. Ihr Widerschein erhellt den Marktplatz. Dann, nach fast zwei Stunden, nimmt der Zug wieder Aufstellung vor dem Brunnen. Die Jungs geben noch mal alles. Ihre Gesichter sind vor Anstrengung rot. Trotz der Kälte sind die Oberkörper der meisten lediglich mit einem T-Shirt bekleidet. Keiner, der nicht nass ist vor Schweiß. Dann, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, ist auf ein Mal Schluss. Eine gewaltige Stille macht sich breit. Die Feuer in den Lampions an den Kreuzen erlöschen.
Wasserflaschen, das eine oder andere Bier, Jacken und Decken werden den Erschöpften von sichtlich besorgten jungen Damen gereicht. Das Spektakel ist aus. Hallenberg kann schlafen gehen.
Den Lärm der Rappelnacht aber trägt ein jeder noch lange tief in sich.


Mit Hämmern und Eisenstangen dreschen die etwa 80 bis 100 jungen Männer auf alles ein, was Lärm macht. Zum Schluß werden den Erschöpften vor dem Rathaus Wasserflaschen, das eine oder andere Bier, Jacken und Decken von sichtlich besorgten jungen Damen gereicht.

24.05.2012
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