Aktuelle Ausgabe
2012-20

Was die Jünger im Boot mit einer Notaufnahme gemeinsam haben

Panik vor dem Kontrollverlust

Wie der Rettungsanker mitten in der Menschenbrandung: Rettungswagen inmitten eines Rosenmontagszuges.Foto: KNA

Im Evangelium tadelt Jesus die Jünger für ihre Angst: Dabei haben sie auf dem See nicht gegen grundlose Ängste gekämpft. Ihr Boot füllte sich mit Wasser, drohte unterzugehen. Ähnlich fühlen sich die Patienten in einer Notaufnahme: hilflos, schutzlos, mitunter in Todesangst. Ihre Angst ist ebensowenig grundlos. Ein Klinikbesuch sucht nach einem Vergleich und beobachtet Ärzte bei ihrem Tun, das schnell wie überlegt stattfinden muss.

von Kathrin Linnemann

Es braucht keine Knochensplitter oder Blutlachen, um in der Notaufnahme des Universitätsklinikums München zu landen. Gebrochene Sprunggelenke, Ohrenschmerzen oder Platzwunden reichen schon. Wer sich in der Notaufnahme wiederfindet, hofft in jedem Fall schnell behandelt zu werden. In der großen Münchener Klinik stehen verschiedene ambulante Behandlungszimmer für denjenigen bereit, der mit einem gebrochenen Arm oder Magenschmerzen kommt. Künstliches Licht erhellt die aneinandergereihten Räume. Wer in Lebensgefahr schwebt, wird aus Rettungswagen oder Hubschrauber in den sogenannten Schockraum gebracht.
Hier hinein dringt kein Tageslicht, blau, grau und silbern dominieren die Wände des Raumes, der mit allem ausgestattet ist, was die lebenswichtigen Funktionen des Körpers, also die Beatmung und das Herzkreislaufsystem, erhält oder wiederherstellt. Außerdem stehen alle Geräte bereit, die für eine Operation vonnöten sind, damit alles im Notfall sehr schnell gehen kann: „Manchmal landen dort Menschen mit Stiefeln und kompletter Kleidung auf dem OP-Tisch“, sagt Patricia Bernasconi. Die Anästhesistin ist eine der Helfer in der Not, auf die ein Patient in der Notaufnahme trifft. Dort steht ein ganzes Ärzteteam bereit. Das muss schnell feststellen, was zu tun ist.
„Wenn eine gefährliche Schädelverletzung vorliegt, muss der gebrochene Zeh erst einmal warten“, sagt Florian Weis, der ebefalls als Anästhesist am Klinikum Großhadern arbeitet. Wenn der Patient nicht mehr atmet, muss alles sehr schnell gehen. „Das Gehirn kann nur drei Minuten ohne Sauerstoff auskommen“, sagt der Mediziner. Gerade wenn es schnell gehen muss, muss der Arzt rational handeln und Ruhe bewahren. Das ist die Alltagserfahrung von Weis und Bernasconi aus all den kleinen und großen Stürmen, die in einer Notaufnahme anbranden.
Oft ist wenig über den Patienten bekannt, der mit Blaulicht eingeliefert wird. Seine Krankengeschichte, seine Beschwerden, seine Blutgruppe, ob er auf irgendwas allergisch reagiert und wie sein Name lautet, kann ein Schwerverletzter dem Krankenhauspersonal nicht erzählen. Anders als Jesus im Sturm auf dem See, ist das Krankenhausteam hellwach, um dem Sturm, der über Patient und Mediziner hereinbricht, Herr zu werden.
Das ist der Unterschied. Die Gemeinsamkeit ist die Ruhe, die es im Sturm zu wahren gilt. Im OP und in der Notaufnahme arbeitet ein ge­samtes Team unter Zeitdruck. „Es sollte immer einer ruhig bleiben“, sagt Weis. „Es liegt in der Natur der Sache, dass der Erfahrenste am ruhigsten bleibt“, ergänzt er. Diesem Umstand wird im Krankenhaus Großhadern stets Rechnung getragen. So wird ein junger Assistenzarzt nicht alleine im OP-Saal gelassen. Ihm stehen ein Facharzt und ein Oberarzt zur Seite. Und der Oberarzt bleibt, bis sich eine mögliche brenzlige Situation gelegt hat. Florian Weis weiß das aus Erfahrung, er hat in den vergangenen dreieinhalb Jahren als Oberarzt auf der Intensivstation gearbeitet.
Unübersichtliche Situationen ist der Mediziner gewohnt, der Patient nicht. Für ihn ist der Aufenthalt im Krankenhaus meist eine turbulente Ausnahmesituation. Wer die beiden Mediziner beobachtet, sieht sie vor sich, wie beruhigend sie auf ihre Patienten wirken. Beide sprechen klar und bedächtig. Sie antworten nicht voreilig, hören sich Fragen geduldig bis zum Ende an, bevor sie nach einem Moment des Nachdenkens eine Antwort geben. „Ich bin kein nervöser Mensch“, sagt Patricia Bernasconi. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie als Oberärztin.
Im Evangelium tadelt Jesus die Jünger für ihre Angst: Doch Angst ist ebensowenig grundlos. Nicht wegen der Verletzungen und Schmerzen. Auch Operationen und andere Eingriffe sind mit Risiken behaftet. Daher will Patricia Bernasconi diese „Ängste anhören und ernst nehmen“. Vieles davon ist  berechtigt. „Ich versuche, Vertrauen aufzubauen und dem Patienten klarzumachen, dass wir auf ihn aufpassen“, beschreibt sie ihren Umgang mit Menschen, denen eine OP bevorsteht.
Was vielen von ihnen großes Unbehagen bereite, ist der Kontrollverlust in der Narkose. Die Jünger auf dem Boot werden panisch, weil sie die Kontrolle über das Boot verloren haben. Wer sich operieren lassen muss, hat Angst davor, dass er nichts um sich herum mitbekommt und keinen Einfluss mehr darauf hat, was mit ihm passiert.
Dieser Sorge begegnen beide Anästhesisten immer wieder. Aber der Patient müsse die Angst überwinden, damit die Ärzte ihm helfen können. „Ich erkläre dann, dass die Narkose unumgänglich ist und wir das Beste für ihn tun wollen“, sagt Patricia Bernasconi. Dass er sich darauf verlassen konnte, merkt der Patient spätestens, wenn er im Aufwachraum langsam realisiert, dass er alles gut überstanden hat. Die Wogen haben sich geglättet und der Sturm sich gelegt. Und ein Weiteres hat Bernasconi in den Jahren erfahren: „Wir brauchen auch ein gesundes Vertrauen ins Leben und wir brauchen Gottvertrauen.“


24.05.2012
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