Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Pessimist oder Kapitalist

Der Wirtschaft geht es schlecht, der Euro sinkt, die Banken stehen vor der Pleite, das Wachstum stagniert. Die Wirtschaftsdaten sind schlecht, dabei spiegelt das Leben eine ganz andere Situation vor. 

Christian Schlichter (44) ist Chefredakteur des DOM

Der Pessimist im deutschen Michelkostüm hat es wieder einmal geschafft, sich die Welt schlecht zu reden. Banken-Krise, Euro Schwäche, Konjunkturdaten. Sicher, das mag nicht zerredet werden. Aber ganz ehrlich, mit dem Otto-Normal-Verbraucher hat das wenig zu tun. Den schrecken eher die massiven Preissteigerungen der Energieversorger. Dem graust es beim Einkauf im Discounter, das Konto wird knapp, wenn die Kinder studieren gehen.
Ansonsten erscheint aber das Umfeld eher positiv. Die Arbeit wächst (400 000 Menschen weniger arbeitslos), Lehrlinge werden gesucht, die politischen Reformen auf Landesebene besonders im Bildungsbereich greifen. Gut, im kleinen Gärtchen des Bürgers scheint vieles noch gut zu sein, was dem Geringverdiener bereits mehr schmerzt. Aber solange eine Bischofsstadt Paderborn am letzten Oktoberwochenende als verkaufsoffenem Sonntag vor mit Tüten bepackten Menschen überquellt und das am Ende eines Monats, dann scheint auch noch reichlich Geld in den Kosumkreislauf zu fließen.
Doch pünktlich zur IG Metall-Lohnrunde, der ersten ernstzunehmenden seit Jahren des Wachstums, haben die Arbeitgeber auf Rot geschaltet. Und wieder einmal wird der Bürger nicht am Boom der Renditen teilnehmen sondern sich begnügen müssen vor einer angeblichen Talfahrt. Das Geld haben sich derweil die Großen eingesteckt. So funktioniert der moderne Kapitalismus.


24.05.2012
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