Aktuelle Ausgabe
2012-20

Schwierige Annäherung an einen Doppelpatron

Peter und Paul auf evangelisch

Altehrwürdige Gemeinde in der Elbmarsch mit katholischen Wurzeln und evangelischer Prägung: St. Petri und Pauli mitten in Hamburg-Bergedorf.Foto: Haverkamp

Am Sonntag wird in Hamburg-Bergedorf gefeiert. Kirchweih. Am 29. Juni 1502 wurde die Kirche St. Petri und Pauli eingeweiht, damals noch unter katholischen Bekenntnis. Vierzig Jahre später wechselte die Gemeinde zum evangelischen Glauben. Kirchweih feiert sie immer noch. Diesmal mit einem großen Gemeindefest, zu dem alle persönlich eingeladen wurden, in deren Namen Abwandlungen von Peter oder Paul vorkommen. „Wir sind einfach unser Register durchgegangen und haben alle Petersen, alle Pits und Paulas angeschrieben“, sagt Pastor Stefan Deutschmann. „Wir sind gespannt, wie viele kommen.“

Mit dem Kirchweihfest ein Stück des katholischen Heiligenkalenders mitzufeiern, damit hat der protestantische Theologe kein Problem. Im evangelisch-lutherischen „Perikopenbuch“ ist das sogar eigens vorgesehen: „29. Juni, Peter und Paul“, steht dort. Gelesen wird dann dasselbe Evangelium wie in der katholischen Kirche. Matthäus, Kapitel 16: das Messias-Bekenntnis des Petrus. Allerdings werden die letzten Verse weggelassen, die Sache mit dem Fels, auf den die Kirche gebaut wird.
„Die Person des Petrus ist bei uns sehr im Bewusstsein“, sagt Pastor Deutschmann. „Dass im katholischen Verständnis der Papst sein direkter Nachfolger sein soll, wird dabei gar nicht diskutiert.“ Insofern wird der Namenspatron auch nicht als „zu katholisch“ an die Seite geschoben. Im Gegenteil. „Schon die Kindergartenkinder wissen eine Menge über Petrus“, erzählt der Seelsorger, der selbst zwei Kinder hat. „Erst Anfang Juni hatten wir sonntags einen Kindergottesdienst, bei dem die Kindergartenkinder den Fischfang des Petrus nachgespielt haben.“ Auch den Erwachsenen ist der biblische Petrus nah. „Glaube und Zweifel, Bekenntnis und Verrat – in ihm kann man sich immer wiedererkennen.“
Paulus hat es da schwerer. „Beim Bergedorfer Hafen- und Stadtfest haben wir kürzlich den Schiffbruch des Paulus vor Malta in den Mittelpunkt gestellt“, erzählt der Pastor. Aber sonst ist Paulus eher sperrig. Das war auch bei der „Bibelwerkstatt“ zu spüren, die im Frühling als Vorbereitung auf eine Griechenland-Reise unter dem Titel stand: Paulus – Fremder oder Freund? „Beim ersten Treffen haben wir eine Bestandsaufnahme gemacht“, sagt Deutschmann. „Es hat sich gezeigt: Vielen steht Paulus doch eher fremd gegenüber.“ Oder er wird in Schubladen gesteckt. „Die Frau soll in der Kirche schweigen – das ist so eine Schublade“, bedauert der Theologe. „Da sitzt Paulus dann fest und kommt nicht wieder raus.“ Womit das Vorurteil wiederlegt wäre, dass Petrus per se den Katholiken und Paulus den Protestanten nähersteht.
Vielleicht um der Gemeinde ihren Namenspatron näherzubringen, bot die Gemeinde zum orthodoxen Osterfest im April eine Griechenland-Reise an. „Paulus im Blick“ lautete der Titel der Fahrt, die Stefan Deutschmann und etwa vierzig Gemeindemitglieder auf die Spuren des Apostels führte. „Eigentlich ist dieser Paulus ja ganz spannend, weil wir ihm in seinen Briefen ganz direkt begegnen“, sagt der Pastor. Und das auch noch in Griechenland. Die Streitrede in Athen, das Schimpfen über die Unsittlichkeit in Korinth – vor Ort bekommt das noch einmal einen anderen Klang.
 „Unser Namenspatron ist uns auf dieser Reise viel nähergekommen“, meint Deutschmann und wird vom Reisebericht der Gemeindemitglieder bestätigt, der im Internet nachzulesen ist: „Wir gehen hinüber zum Aeropagfelsen und hören noch einmal die berühmte Rede des Apostel Paulus. Sein Gang durch die Stadt mit ihren zahllosen Tempeln, Altären und geweihten Stätten gehen wir nach. Wir stellen uns seinen Auftritt in der Synagoge und am Felsen vor. Das Publikum mag diskussionsfreudig und neugierig gewesen sein. Wir bekommen eine Ahnung, wie Paulus sich dort vor den Strategen, den Philosophen und dem Prokonsul rechtfertigt und dem einen Gott huldigt“, steht es da im Tagebuch beschrieben.
Aber auch Petrus war nicht vergessen. Als die Gruppe ein paar Tage später eine Ikonenwerkstatt besuchte, entdeckten Gemeindemitglieder eine Ikone, auf der Petrus und Paulus sich inniglich umarmen. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass sie die gekauft haben“, sagt Deutschmann. Doch am Ende der Reise bekam der Pastor sie geschenkt. „Für unsere Kirche“, meinten die Reisenden.
In die Kirche kam sie nicht, denn die kunstgeschichtliche bedeutsame und vielbesuchte Kirche soll möglichst unverfälscht bleiben. „Dafür hängt sie jetzt in meinem Amtszimmer“, freut sich Stefan Deutschmann. „Das ist ja auch ein öffentlicher Raum. Und wenn Brautpaare oder Taufeltern zu mir kommen, dann kann ich immer wieder die Rede auf unsere Patrone bringen.“ Denn die haben einer Gemeinde von heute noch jede Menge zu sagen. Gerade in ihrer Unterschiedlichkeit, gerade in den Streitpunkten, gerade in ihren Zwistigkeiten darüber, wie die Botschaft Jesu konkret in die Welt zu tragen ist. „Für Streit in der Gemeinde sind Petrus und Paulus sehr ergiebig“, weiß der Bergedorfer Pastor.
Vielleicht tritt er deshalb am Sonntag beim Kirchweih-Fest zusammen mit seinem Kollegen Andreas Baldenius als „Petrus und Paulus“ auf. „Wir wollen aus ihrer Sicht darüber diskutieren, wie es heute mit Gemeinde weitergehen kann“, sagt Deutschmann und betont: „Wir leben gerne mit den beiden.“
Und schlagen sich dann doch eindeutig auf die Seite des Paulus bei der schon biblischen Autoritätsfrage, ob der ungebildete Fischer Petrus, den Jesus selbst ins hohe Amt gehoben hat, das alleinige Sagen hat oder ob auch der brillante Redner und Denker Paulus bestimmen darf. Es ist eben schwer, so ein Doppel-Patronat.
Susanne Haverkamp


24.05.2012
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